Annika Lasarzik © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn ich vor ein paar Jahren vom Bahnhof Diebsteich hörte, dachte ich an die ruhig daliegende S-Bahnhaltestelle im Nordwesten der Stadt – wo ich eigentlich nur dann strandete, wenn ich mal wieder falsch umgestiegen war oder bei "1000 Töpfe" einkaufen wollte. Und heute? Das legendäre Kaufhaus gibt es nicht mehr, rund um die Station ist nach wie vor nicht so richtig viel zu sehen, Leute mit schwach ausgeprägtem Orientierungssinn stehen vermutlich immer noch ab und zu ratlos auf dem Bahnsteig herum. Aber der Name setzt zumindest bei mir inzwischen eine ganz andere Assoziationskette in Gang: Diebsteich, sollte nicht der Fernbahnhof Altona dorthin verlegt werden? War das nicht eines dieser Großprojekte, gegen die sich viel Widerstand regt, die sich als komplizierter erweisen als gedacht?   "Wie geht‘s weiter, passiert da noch was?" Solche Fragen sind mir in letzter Zeit oft begegnet. Daher wirkte diese Meldung gestern wie eine kleine Sensation: Nach monatelanger Stagnation kommt wieder Bewegung in die Sache, die Stadt und einige der verbliebenen Kritiker einigten sich auf einen Kompromiss. Warum so plötzlich? Wie man hört, machte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) ordentlich Druck, um das Einigungspapier noch vor der letzten Bürgerschaftssitzung vor der Wahl zu präsentieren. Wenn das stimmt, war es ganz schön knapp: Besagte Sitzung ist heute, am Nachmittag sollen die Abgeordneten über das Papier abstimmen.   Wie der Kompromiss im Detail aussieht und warum nicht alle damit zufrieden sind, lesen Sie im Bericht meines Kollegen Christoph Twickel weiter unten.

Nun aber erst mal zu den weiteren Themen. Kommen Sie gut durch den Tag!

Ihre Annika Lasarzik

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WAS HEUTE WICHTIG IST

© Marijan Murat/​dpa

Immer mehr Schüler in Hamburg 

Die Zahl der Schülerinnen und Schüler ist auf knapp 200.000 gestiegen, im Vergleich zum Vorjahr sind dies 2332 schulpflichtige Kinder mehr. Den stärksten Zuwachs verzeichneten die Grundschulen mit 17.300 Erstklässlern, teilte die Schulbehörde mit. Erstmals seien mehr Anmeldungen an den Stadtteilschulen als an Gymnasien eingegangen, gesunken sind laut Statistik die Anmeldezahlen an Privatschulen. Um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden, plant die Schulbehörde den Bau von 44 neuen Schulen.

Bedingungsloses Grundeinkommen auf Probe 

Heute startet eine neue Volksinitiative: Der Verein "Expedition Grundeinkommen Hamburg" will den Senat zu einem Modellversuch für ein bedingungsloses Grundeinkommen bewegen. Wie dieser Versuch im Detail aussehen soll, lassen die Initiatoren offen, er soll aber mit wissenschaftlicher Begleitung und zeitlich begrenzt ablaufen. Der Verein muss nun binnen drei Wochen 10.000 Unterschriften sammeln, um ein Volksbegehren in Gang zu setzen.  

Klimaaktivisten beklagen Polizeigewalt

28 Gruppen, darunter die BUND Jugend und der Zukunftsrat Hamburg, haben sich mit einer Beschwerde an den Senat gewandt: Sie werfen der Polizei Gewalt bei der Auflösung von Sitzblockaden vor. Das berichtet der NDR. Die Polizei wies den Vorwurf zurück. Schmerzhafte Griffe seien erlaubt und würden nicht unverhältnismäßig eingesetzt. Im September war die Polizei für ihr Vorgehen schon einmal in die Kritik geraten: Damals hatten sich Videos von einem Einsatz während des großen Klimastreiks im Netz verbreitet. Zu sehen waren Polizisten, die sogenannte Rückhaltegriffe anwendeten.   

Dixi-Klo und Toast: Feuerwehr im Dauereinsatz

Pünktlich um 8 Uhr startete die Hamburger Feuerwehr ihr "Twitter-Gewitter", die Einsätze ließen sich quasi live im Netz nachverfolgen. Es ging um abgequetschte Finger und akute Bauchschmerzen, bei einer Frau setzten die Wehen ein, ein Baum stürzte beinahe um, ein Dixi-Klo fiel auf die Straße. Manche Meldungen hätten pointierter nicht sein können ("PKW gegen Fußgänger"), andere lasen sich wie ein Krimi: "Es liegt die Vermutung nahe, dass ein angebrannter Toast den Anlass zur Alarmierung gab, das Gebäude wird dennoch sicherheitshalber begangen. UPDATE: Die Vermutung bestätigte sich, der Toast ist ungenießbar." Lustig oder banal dürfte die Arbeit allerdings selten sein, insofern: Danke!

In aller Kürze 

Digitalisierung in der Justiz: In diesem Jahr führen Hamburger Gerichte und die Staatsanwaltschaft die elektronische Akte ein, außerdem sollen alle Hamburger Gerichtssäle mit WLAN ausgestattet werden • Die Zahl der Anträge auf eine Cannabis-Behandlung ist nach Angaben der Barmer zurückgegangen; 2019 waren es 88, im Vorjahr 125 – im bundesweiten Vergleich sei die Nachfrage gering • Die Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein (VHH) haben seit Januar 16 vollelektrische Busse in Betrieb genommen – Hamburg will von diesem Jahr an nur noch emissionsfreie Busse kaufen

THEMA DES TAGES

© Architektenbüro C.F. Møller

Was nicht passt, wird passend gemacht

Der Fernbahnhof Altona kann nun wohl endgültig nach Diebsteich verlegt werden. Finanzsenator Andreas Dressel hat sich mit dem Verkehrsclub Deutschland auf einen Kompromiss geeinigt. Es ist eine Einigung im Hauruckverfahren – die wohl nicht zufällig kurz vor die Bürgerschaftswahl fällt.

Der Coup: Es ist der Bahn und der Stadt gelungen, den Verkehrsclub Deutschland (VCD) dazu zu bringen, eine Klage zurückzuziehen, die die Verlagerung des Bahnhofs Altona nach Diebsteich vorläufig gestoppt hatte. Seit Sommer 2018 stehen die Planungen still, seit Februar 2019 trafen sich die Bahn, die Stadt und die Kritiker der Bahnhofsverlagerung – der Kläger VCD, aber auch die Bürgerinitiative "Prellbock Altona" – zu sogenannten Faktencheck-Treffen. Zwölfmal traf man sich, die Versprechungen, die Bahn und Stadt gemacht haben, haben den Verkehrsclub zur Kehrtwende bewegt. Das Paket zu Diebsteich sei "um einiges besser als der Bestand", sagt Rainer Schneider vom VCD Nord und verwies unter anderem auf die Zusage, am bisherigen Altonaer Bahnhof einen neuen, leistungsfähigeren Busbahnhof zu bauen. "Deshalb haben wir diese Vereinbarung massiv vorangetrieben."

Das Eingeständnis: Die Verbesserungen, die Bahn und Stadt in Aussicht stellen, machen klar, dass die bisherigen Planungen für den neuen Bahnhof am Diebsteich unterdimensioniert und nicht zeitgemäß waren – die Kritiker hatten in diesem Punkt also recht. Statt 24 Züge pro Stunde zu Spitzenzeiten soll die Planung dahingehend verändert werden, dass 31 Züge pro Stunde abgefertigt werden können. Statt wie bislang geplant 6 Fernbahngleise und 2 S-Bahngleise zu bauen, soll nun – zumindest perspektivisch – mit 8 Fern- und 4-S-Bahngleisen geplant werden. Ob und wie das alles im Rahmen des bisherigen Planfestellungsverfahrens geht, soll ein unabhängiger Gutachter prüfen. Wie umfassend die bisherigen Pläne nachgebessert werden müssen, ist noch unklar.  

Wann der Bahnhof in Betrieb gehen soll, was die Kritiker sagen und was sich hinter dem schönen Wort "Aufwärtskompatibilität" verbirgt, lesen Sie im vollständigen Text auf ZEIT ONLINE.

DER SATZ

© John Bozinow

"Ich erinnere mich sehr genau, wie oft ich auf dem Schiff stand und dachte: Wie schön wäre es hier wohl, wenn wir alle nicht da wären."

Jeannine Platz, Malerin

Die Hamburger Künstlerin Jeannine Platz (46) hat ein Faible für übergroße Dimensionen. Sie kletterte schon auf Hausdächer, um Städte von oben zu malen, stieg auf Containerschiffe, um einen besseren Blick auf Meere und Häfen zu haben, und hielt den Blick aus edlen Hotelzimmern auf der ganzen Welt fest. Ihr jüngstes Projekt führte sie in die Antarktis und zum Nordpol: Sie wollte auf einer Scholle sitzen und Eisberge malen. Aber die Reisen verliefen anders als gedacht – und Jeannine Platz wurde klar, dass Menschen im ewigen Eis nichts zu suchen haben.

Welche Rolle dabei der unverhoffte Kontakt mit einem Eisbären spielte, wie sie die Reise im Rückblick bewertet und was ihre beiden Töchter dazu sagen, die bei Fridays for Future aktiv sind, lesen Sie im Interview, das Florian Zinnecker mit Jeannine Platz geführt hat.

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Pop-Konzert: Tropical-Gitarren und jungenhafter Charme aus Dänemark: "Christopher".

Knust, Neuer Kamp 30, heute, 20 Uhr, VVK 23,80 Euro

Killer-Kino: Ein Mann will einen anderen erschlagen. Absurde Komödie im Cinema Obscure: "Why Don’t You Just Die!"

3001 Kino, Schanzenstraße 75, heute, 21.15 Uhr, 9 Euro

Elektro Vormerken: Tycho macht den Sound der Achtziger zur "Chillwave" und kleidet ihn in Feist-ähnlichen Gesang.

Übel & Gefährlich, Ballsaal, Feldstraße 66, morgen, 21 Uhr, VVK 28,30 Euro

Adolf Vormerken: Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva wirkt Berlin merkwürdig. Wiederaufnahme: "Er ist wieder da".

Altonaer Theater, Museumstraße 17, 19.2., ab 17 Euro

Verlosung: Mary Poppins, König der Löwen, Biene Maya oder Pippi Langstrumpf. Welches Kind kann nicht ein Lied zu einem dieser Kino- oder Fernsehhelden singen? Wir verlosen 3 Familientickets (à fünf Personen) für das NDR Familienkonzert "Kino zum Mitsingen #2" am Samstag, 15. Februar, ab 15.30 Uhr im Rolf-Liebermann-Studio des NDR. Senden Sie uns bis morgen, 12 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "Kino zum Mitsingen" an hamburg@zeit.de. Viel Glück!

MEINE STADT

Ein harter Tag für Regenschirme (gesehen an der U-Bahn-Haltestelle Wandsbek Markt) © Silke Kaufmann

HAMBURGER SCHNACK

Ein älteres Ehepaar steigt am Hauptbahnhof in die U1 Richtung Norderstedt. Sie zu ihm: "Setz dich hierhin, dann kannst zu lesen!", und deutet auf die Bildschirme des Fahrgastfernsehens. Dann schiebt sie nach: "Wenn du überhaupt lesen kannst ..."

Gehört von Christian Hartrampf

DIE HEUTIGE AUSGABE ZUM VERTIEFTEN LESEN

"Was nicht passt, wird passend gemacht"– Der Fernbahnhof Altona wird wohl endgültig verlegt, die Gegner zogen die letzte Klage zurück. Eine Einigung im Hauruckverfahren – kurz vor der Bürgerschaftswahl.

"Wie schön wäre es hier wohl, wenn wir alle nicht da wären" (Z+)– Jeannine Platz fuhr in die Antarktis und an den Nordpol, um Eisberge zu malen. Jetzt hadert sie mit ihrer Reise – wegen des Klimawandels.