Annika Lasarzik © Maria Feck

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor einiger Zeit sah ich mir das Stück "Cum Ex Papers" im Lichthof Theater an. Es erzählte vom größten Steuerraub aller Zeiten, die Texte basierten auf journalistischen Recherchen, an denen auch die ZEIT beteiligt war. Beim Zuschauen war ich fasziniert, angewidert, irritiert. Die Performance war zwar ganz schön überzeichnet, da tanzten Banker schon mal im Konfettiregen. Aber die Texte waren echt. Und sie sagten leider viel aus über die Gier im Finanzwesen. 

Jetzt geht die Geschichte weiter. 

Während die Bürgerschaft sich gestern einen letzten Schlagabtausch vor der Wahl lieferte, lag schon die neue ZEIT auf unseren Schreibtischen. Und die enthält eine Recherche, die ein denkbar schlechtes Licht wirft auf Bundesfinanzminister Olaf Scholz, auf Teile der SPD und auf die Hamburger Finanzbehörde – deren früherer Leiter, Peter Tschentscher, heute Bürgermeister ist und auch gern bleiben würde. Es geht um die Hamburger Privatbank M.M. Warburg, die den Fiskus jahrelang um Millionen an Steuergeldern betrog. Es geht um eine Aussage Tschentschers vom Januar 2018: Die Steuerverwaltung gehe Hinweisen auf Cum-Ex-Geschäfte konsequent und ausnahmslos nach. Tatsächlich ignorierte die Behörde mit erstaunlichem Gleichmut zahlreiche Hinweise. Und die Hamburger SPD dürfte jetzt wohl Probleme bekommen, weil einer der am besten vernetzten Banker dieser Stadt Tagebuch führte.  

Was drinsteht, lesen Sie weiter unten oder in der neuen ZEIT. Auch die Kollegen von "Panorama" berichten heute Abend über den Fall. Tun Sie mir bitte einen Gefallen: Hören und schauen Sie nicht weg. Wir leben ja in einer Stadt, in der es oft heißt, dass für dieses oder jenes das Geld nicht reicht.

Aber hier geht es nicht um Konfetti. Sondern um 47 Millionen Euro.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! 

Ihre Annika Lasarzik

Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de 

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Christian Charisius/​dpa

In der Bürgerschaft wurde heftig über die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum thüringischen Ministerpräsidenten gestritten: Während die FDP-Fraktionsvorsitzende Anna von Treuenfels-Frowein Fehler der liberalen Parteiführung einräumte und sich erneut von der AfD distanzierte, warfen Vertreter von SPD, Grünen und Linken FDP und CDU eine unklare Abgrenzung nach rechts vor. Die FDP hatte das Thema selbst auf die Agenda gesetzt, eigentlich um über die Anfeindungen gegen Liberale zu sprechen.

Es wurde aber nicht nur gestritten. Die Abgeordneten haben sich für den Wiederaufbau der zerstörten Bornplatzsynagoge ausgesprochen, einen fraktionsübergreifenden Antrag zur Erstellung einer Machbarkeitsstudie nahmen sie einstimmig an. Die größte Synagoge Norddeutschlands war von den Nationalsozialisten in der Pogromnacht 1938 so schwer beschädigt worden, dass sie abgerissen werden musste. Die Machbarkeitsstudie wird vom Bund mit 600.000 Euro unterstützt. 

Das kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik beim Zweitligaspiel des Hamburger SV gegen den Karlsruher SC wurde von den Fans offenbar gut aufgenommen: In einer Umfrage unter 5000 Dauerkartenbesitzern hätten sich 89 Prozent für eine Wiederholung des Experiments ausgesprochen, gab der Verein bekannt. 98 Prozent gaben an, "dass sie ein sicheres Gefühl während des Abbrennens hatten". Zu Beginn des Spiels waren zehn Rauchtöpfe gezündet worden, Zwischenfälle gab es nicht. Vorab schien ungewiss, wie die Ultraszene reagieren würde. Worum es bei der Debatte um Pyrotechnik geht, lesen Sie mit Z+ hier

In aller Kürze 

Der Hamburger BUND will den Ausbau des neuen 5G-Mobilfunknetzes stoppen, es fehle eine Prüfung auf Gesundheits- und Umweltverträglichkeit; 6000 Unterschriften gingen an den Senat • Der Bund wird sich voraussichtlich an der Finanzierung einer neuen Köhlbrand-Querung in Hamburg beteiligen; Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) beraten darüber heute in Berlin • Der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma (67) ist in den Rat der neuen Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte berufen worden; insgesamt umfasst der Stiftungsrat elf Mitglieder • Hamburgs Kinos bekommen für das laufende Haushaltsjahr 200.000 Euro zusätzlich von der Stadt • Die auf St. Pauli gelegene Lorenzini Kunst-Kita Strese ist für den Deutschen Kita-Preis nominiert; die Entscheidung fällt im Mai • Hochschulbeschäftigte haben vor der Wissenschaftsbehörde gegen prekäre Arbeitsbedingungen protestiert; sie fordern Tarifverträge für studentische Beschäftigte und unbefristete Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter • Wahlkampfhilfe I: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann besucht heute die Grünen in Hamburg • Wahlkampfhilfe II: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner besucht die CDU in Bergedorf

THEMA DES TAGES

© [M] Alexander Hoepfner für ZEIT ONLINE Fotos: : Bertold Fabricius/​ullstein bild; Ulrich Baumgarten/​SZ Photo

Das Millionen-Geschenk

Die private Hamburger Bank M. M. Warburg ließ sich Steuern erstatten, die sie nie gezahlt hatte – komplizierte Finanzgeflechte, heute bekannt als Cum-Ex-Geschäfte, machten es möglich. Nun zeigt sich, dass die Hamburger Finanzbehörde weniger dagegen unternahm, als sie selbst vorgibt – und auch Finanzminister Olaf Scholz spielt eine Rolle.

Nur ein kleiner Waldweg führt zu dem eisernen Tor mitten in einem Park nahe der Elbe in Hamburg. Hier wohnt der Mitinhaber von Deutschlands größter inhabergeführter Privatbank M.M. Warburg, der Mäzen, Firmenretter, Netzwerker Christian Olearius.

Am Dienstag, den 20. März 2018 um 7.35 Uhr klingeln drei Ermittlerinnen und ein Ermittler aus dem fernen Düsseldorf an dem Tor. Sie zeigen dem damals 75-jährigen Olearius einen Durchsuchungsbeschluss. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm schwere Steuerhinterziehung vor. Er und seine Bank sollen mit fragwürdigen Aktiendeals namens Cum-Ex mehrere Hundert Millionen Euro aus der Staatskasse geplündert haben. 

Mit Cum-Ex-Geschäften haben Banker, Investoren und reiche Bürger den Staat systematisch ausgenommen, indem sie sich mit komplizierten Aktiengeschäften Steuern erstatten ließen, die sie nie bezahlt hatten. In den Jahren zwischen 2005 und 2011 ist durch solche Geschäfte nach Schätzungen des Mannheimer Steuerprofessors Christoph Spengel ein Gesamtschaden für den deutschen Fiskus von mindestens 7,2 Milliarden Euro entstanden. Es waren mehr als 100 Banken beteiligt, darunter große Investmentbanken wie Merrill Lynch, Santander und Macquarie. Auf Warburg entfallen davon keine fünf Prozent, was aber gemessen an der Zahl und Größe der anderen Beteiligten immer noch erstaunlich viel ist. 

Nach Jahren intensiver Ermittlungen ist die Staatsanwaltschaft Köln denn auch überzeugt: Christian Olearius gehörte zu den großen Profiteuren. Er selbst bestreitet die Vorwürfe bis heute. Was die Beamten aber nun bei der Durchsuchung fanden, wirft auch einen Schatten auf Hamburg und auf die politische Elite der Hansestadt.

Im Arbeitszimmer des Bankiers lag ein Tagebuch. In ihm notierte Olearius Gedanken zu seinen Geschäften, zu seinem beruflichen Netzwerk und immer wieder auch zum Thema Cum-Ex. Was darin zu lesen ist und warum Hamburgs Untätigkeit selbst das Bundesfinanzministerium fassungslos machte, lesen Sie in der ZEIT oder gleich hier.

DER SATZ

© Carl Albrecht

"Es ist nicht die primäre Aufgabe von Kultur, eine Gesellschaft zusammenzuhalten."

Es ist eine große Frage, über die Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Ina Hartwig, Kulturdezernentin von Frankfurt am Main (beide SPD), im Feuilleton der ZEIT diskutieren, eine, die immer mal wieder aufgeworfen wird: Was kann Kultur leisten, welche Rolle kommt ihr zu in einer Gesellschaft, die scheinbar immer komplexer wird und immer weiter aufsplittert in viele kleine Gruppen? Brosda vertritt da eine klare These, wie der obige Satz zeigt. Aber natürlich schließen sich weitere Fragen an: Findet sich die hitzige Debatte um Meinungsfreiheit auch in Kulturbetrieben wieder? Wie kann es gelingen, nicht nur die übliche Klientel – gebildet, gut verdienend – für Kunst zu begeistern? Wie frei, wie neutral darf die Kunst sein? Und was heißt hier überhaupt "neutral"? Sie sehen, es geht um viel Grundsätzliches. Der Klärungsbedarf war aber wohl selten so groß wie heute. 

Wie die beiden Kulturpolitiker zum sozialdemokratischen Slogan "Kultur für alle" und zum Kulturbegriff der AfD stehen, lesen Sie im vollständigen Interview, Sie finden es in der ZEIT am Kiosk oder mit Digitalabo gleich hier auf ZEIT ONLINE

WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN

Europäisch lernen: Wie kommt das Geld aus Brüssel in die europäischen Regionen? Info-Abend: "EU Basics – der Finanzhaushalt der EU".

Zentralbibliothek, Hühnerposten 1, heute, 18–20 Uhr, Eintritt frei

Blindes Flimmern: Eine Ballerina soll zu den Sternen aufschauen; aber was, wenn sie blind ist? Filmpremiere in brasilianischer Originalfassung mit Untertiteln: "Looking at the Stars".

Abaton, Allendeplatz 3, heute, 9 Euro

Konzert mit Bär: "Boy & Bear" tragen australischen Pop, Folk und Country ins Knust. 

Knust, Neuer Kamp 30, heute, 21 Uhr, VVK ab 27,15 Euro

Zum Vormerken: Erstmals nach 15 Jahren betreten Miriam, Peter, Kai und Michael Maertens gemeinsam die Thalia-Bühne: "Mitten im Leben…", Benefiz-Matinee zugunsten von Hamburg Leuchtfeuer.

Thalia, Großes Haus, Alstertor 2, So, 11 Uhr, 22 Euro

MEINE STADT

»… bei Altona auf der Chaussee, da taten ihnen die Beine weh …« © Kerstin Bittner

HAMBURGER SCHNACK

Gegen 8.30 Uhr in der rappelvollen S3 von Neugraben Richtung Hauptbahnhof. Ein Paar mit Kleinkind im Buggy steigt ein. Der Lütte schaut sich die Menschen an, die um ihn herumstehen, und kräht entrüstet: "Ich will aber einen eigenen Sitzplatz!"

Endlich wurde in der Bahn mal wieder herzlich gelacht. 

Gehört von Sabine Büngener 

DIE HEUTIGE AUSGABE ZUM VERTIEFTEN LESEN

Das Millionen-Geschenk (Z+) – Einer der am besten vernetzten Banker Hamburgs führte Tagebuch. Das könnte nun zum Problem für die Hamburger SPD werden. Es geht um Cum-Ex und Finanzminister Olaf Scholz.

"Es gibt diese neue Lust am Verbot" (Z+) – Soll Kultur die zersplitterte Gesellschaft kitten? Wie gefährlich ist die überhitzte Identitätspolitik? Ein Gespräch mit den SPD-Kulturpolitikern Ina Hartwig und Carsten Brosda