Wenn's denn sein muss – Seite 1

Es ist noch nicht allzu lange her, da war das Stadthaus für viele Menschen ein Ort des Grauens. Von hier gingen Furcht und Gewalt aus. Viel erinnert nicht mehr daran: Heute liegen hier schicke Shops, Büros, Wohnungen, Gastronomie und ein Hotel. 

An einem Donnerstag im Januar drängen sich hier einige Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft, sie stehen vor kleinen Bildschirmen und schmalen Ordnern. Die Mitglieder des Kulturausschusses besichtigen die neue Ausstellung "Das Stadthaus im Nationalsozialismus. Eine Zentrale des Terrors", auch Kultursenator Carsten Brosda und Detlev Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, sind dabei.

Dem jahrelangen Streit um die Frage, wie mit der Vergangenheit des Hauses angemessen umzugehen sei, soll diese Ausstellung ein einvernehmliches Ende setzen. Aber kann sie das? 

Von 1933 bis 1943 befanden sich in den Stadthöfen das Polizeipräsidium sowie die Zentralen von Kripo, Gestapo und der Ordnungspolizei. Unter dem Kommando von Heinrich Himmler, Chef der deutschen Polizei und Reichsführer der SS, suchten Beamte vom Stadthaus im Zentrum Hamburgs nach politischen Gegnern und nach Menschen, die aus rassistischen, homophoben und antisemitischen Gründen verfolgt wurden. Polizisten brachten Festgenommene ins Stadthaus, in den Räumen registrierten sie ihre Opfer, verhörten, verprügelten, folterten, demütigten und ermordeten sie. 1943 zogen die Behörden nach Bombentreffern in andere Gebäude der Innenstadt.

Verantwortlich für die Ausstellung zeichnen nun: die Projektentwicklungsgesellschaft Quantum Immobilien, die von der Stadt per Kaufvertrag zu einem Gedenken an die Opfer verpflichtet wurde. Und der Vermieter, die Stadthöfe GmbH & Co. KG. Wissenschaftliche Expertise kam von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Authentische Räume gibt es kaum noch. Lediglich der sogenannte "Seufzergang" kann besichtigt werden, durch den Gefangene aus ihren Zellen zum Verhör gebracht wurden. Der Gang liegt karg vor den Besuchern, lediglich eine Audiostation informiert über das Schicksal von Opfern der Polizei. Geöffnet wird die Tür zum Gang von der Buchhandlung gegenüber aus per Knopfdruck. In der Brückenarkade davor stehen einige Tafeln mit Informationen über die Geschichte des Gebäudes. In der Buchhandlung selbst soll dann die eigentliche Ausstellung die Besucher informieren – jedenfalls scheint es so. Genau genommen teilen sich der gut sortierte Laden und der "Geschichtsort Stadthaus" nur denselben Eingang. Zu sehen ist eine Trennung allerdings nicht.

In einer Ecke stehen nun gut ausgewählte Kinderbücher, in einer anderen schwere schwarze Tische aus Stahl, bedruckt mit Informationen aus einem der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte: die Verfolgung und Vernichtung von Menschen im NS-Staat.

Die neue Dauerausstellung ist eine Minimallösung. Das wird schnell klar. Auf dem engen Raum, der zur Verfügung gestellt wurde, scheint keine großzügige Lösung möglich zu sein. Vieles wird angerissen, nichts wirklich vertieft. Hier sollen Schulklassen, Jugendgruppen und Vereine einen Lernort finden? 

Immerhin werden Opfergruppen thematisiert, die früher oft vergessen oder verschwiegen wurden: Ein Tisch erinnert an Sinti und Roma, die von der "Zigeunerdienststelle" der Hamburger Kriminalpolizei verhaftet wurden, ein anderer thematisiert die Verfolgung von Homosexuellen. Ein Bildschirm erzählt die Geschichte von "Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft". Die Gestapo überwachte Ausländer, die nach Hamburg verschleppt und dort etwa bei Fabriken und Werften eingesetzt wurden.

Einer von ihnen, Adrzej Szablewski, geboren 1913 in Polen, kam im April 1940 an die Elbe. Wegen einer Liebesbeziehung zu einer Deutschen verhaftete ihn die Gestapo. "Es folgten Verhöre im Stadthaus und Haft im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel", steht in einem kurzen Text unter seinem Foto auf einem Tisch zu dem Thema. Auch hier wären mehr Informationen sinnvoll gewesen. Alles bleibt abstrakt. Wie verliefen die Verhöre? Was passierte dem Polen in den Arrestzellen des Stadthauses? Wurde er so misshandelt wie andere Gefangene, die mit Bajonetten gestochen, mit Knüppeln und Stangen geschlagen wurden?

Eine Gedenkinitiative fragt: "Das soll es jetzt sein???"

Wie die Kripo- und Gestapo-Beamten genau arbeiteten, das bleibt insgesamt im Dunkeln. Der Gedenkort präsentiert nur kurze Infohappen. Von einem "Erstinformationsort" spricht auch Brosda. An anderen Orten sind vergleichbare Ausstellungen deutlich besser gelungen.

"Andere Städte erinnern an die Taten der Polizei im Dritten Reich wesentlich umfangreicher und präziser als Hamburg, zum Beispiel Münster, das mit der Villa ten Hompel einen würdevolleren und informativen Erinnerungsort geschaffen hat. München, Köln, Düsseldorf, Stuttgart und auch Berlin, um nur einige zu nennen, haben hier Maßstäbe gesetzt", sagt Wolfgang Kopitzsch. "Erschütternd ist dies auch, weil gerade für Hamburg umfangreiche Forschungen vorliegen." 

Mit der Geschichte der Polizei in Hamburg kennen sich nur wenige so gut aus wie Kopitzsch. Der frühere Polizeipräsident und Bezirksamtsleiter baute das Polizeimuseum aus, forschte selber über die Sonderbataillone, die sich im Osten aktiv am Völkermord beteiligten. Er kritisiert: "Das Stadthaus ist kein Gedenkort geworden, sondern, wie im Beirat von Anfang an befürchtet und deutlich gemacht, höchstens ein Infopoint."

Privatwirtschaftliche Interessen wichtiger als das würdige Erinnern?

Kopitzsch vermisst in der Ausstellung wichtige Inhalte. "Wie arbeitete die Polizei im Stadthaus, woher bekamen die Beamten ihre Informationen, wie gingen sie vor, welche Funktion hatte das Reichssicherheitshauptamt, was haben die Hamburger Polizeibataillone konkret im Osten getan und was ist mit der Behörde und den Uniformierten nach 1945 eigentlich geschehen?", fragt er. "Die Hamburger Polizei hat in den vergangenen Jahren selber zwei Ausstellungen über die NS-Zeit gemacht. Es gäbe viel mehr Material, das gezeigt werden könnte und müsste", sagt Kopitzsch. Schließlich seien Hunderttausende Menschen durch die Polizei aus Hamburg und dem Wehrkreis X verfolgt, vertrieben, "umgesiedelt", deportiert, hingerichtet und ermordet worden.

In der Ausstellung, so lautet Kopitzschs Fazit, werde das nicht hinreichend deutlich, ganz im Gegenteil. "Es ist, gerade für die Familien der Opfer, erschütternd, zu erleben, wie in diesem Fall privatwirtschaftliche Interessen über das notwendige angemessene und würdige Erinnern, gestellt wurden."

Die Hauptkritik der Gegner des aktuellen Ausstellungskonzepts trifft aber nicht den Investor, sondern die Stadt. Mehr als sechs Jahrzehnte nutzten die Behörde für Bauen und dann für Stadtentwicklung die Gebäude an der Stadthausbrücke. Es war sehr viel Zeit, um einen würdigen Gedenkort zu schaffen. 2009 aber veräußerte der Senat aus CDU und Grünen den Komplex an die Quantum Immobilien GmbH.

"Von großer Bedeutung für die Gedenkstättentopografie in Hamburg wird auch die weitere Entwicklung des Gebäudeensembles an der Stadthausbrücke sein, dessen Verkauf bevorsteht", hielt der Senat im November 2009 in einer Mitteilung an die Bürgerschaft fest. Der Käufer habe sich verpflichtet, einen "Lernort mit unterschiedlichen Inhalten (Ausstellung, Seminare, Veranstaltungen, Inszenierungen, Dokumentationen) zur Nutzung des Stadthauses in den Jahren 1933–1943 zu erstellen". Auf dem Papier klang das gut.

Kritiker dieser Konzeption werfen der Stadt vor, sich aus der Verantwortung gestohlen zu haben. "Das soll es jetzt sein???", fragt die Initiative Gedenkort Stadthaus. Während die Mitglieder des Kulturausschusses der Bürgerschaft drinnen die Ausstellung anschauen, fordern draußen vor der Buchhandlung gut 30 Demonstranten eine andere Gedenkkultur.

Kommen weitere Gedenkorte hinzu?

Nach der Besichtigung der Ausstellung treffen sich die Mitglieder des Kulturausschusses der Bürgerschaft zu ihrer letzten Sitzung in dieser Legislaturperiode. Nummer eins auf der Tagesordnung ist das Stadthaus. Nur die AfD ist nicht vertreten. Politiker der anderen Parteien äußern sich wenig euphorisch über das Ensemble. Isabella Vértes-Schütter von der SPD verweist auf die schwierige Situation, die von der SPD vorgefunden worden sei, auf Verträge, die es nicht leicht machten, ein wirklich würdiges Gedenken auf den begrenzten Quadratmetern, die vorhanden seien, zu ermöglichen. Dennoch spricht sie von einem "eindrucksvollen Erlebnis".

Dietrich Wersich von der CDU zeigt Verständnis für die Kritiker: "Ich weiß, dass sich viele mehr gewünscht hätten. Keine Frage, und dass viele auch dafür weiterkämpfen." Einer, der selber kämpft, ist Norbert Hackbusch von der Linkspartei. "Der Ausstellungsraum ist zu klein", sagt er. "Das wirkt reingedrängt in einen zu kleinen Raum." Er greift einen Vorschlag der Initiative auf, die Wagenhalle oder auch Meldehalle als Ausstellungsraum zu nutzen. Sie liegt neben dem Buchladen und steht noch leer. Der Raum sei bereits vermietet, sagt Senator Brosda. Er kündigt an, dass die Stadt prüft, wo es weitere Gedenkorte geben könne. 

In der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel stehen Haus 1 und Haus 3 als historisch-authentische Orte für eine Ausstellung zur Verfügung. Dort war früher das Konzentrationslager Fuhlsbüttel – KoLaFu genannt. Auch am Dessauer Ufer, in einer Lagerhausstruktur, könnte es ein Museum über Zwangsarbeit geben. Wie künftig die Erinnerungskultur in Hamburg aussieht, wird sich nach der Bürgerschaftswahl am 23. Februar entscheiden.

Einen weiteren Ort, an dem an die Opfer der Polizei erinnert werden könnte, gibt es noch. "Ich hoffe inständig, dass der ehemalige Führungsbunker der Polizei im Neuen Wall noch für ein angemessenes Museum oder für einen Gedenkort genutzt wird", sagt Wolfgang Kopitzsch. "Gedenken und Erinnerung, gerade heute, gehören an die Orte der Taten, und das ist in diesem Fall das Zentrum unserer Stadt."