Neulich in der Notfallpraxis: Ein Vater kommt mit seinem Sohn ins Behandlungszimmer, der Arzt erhebt sich und streckt zum Gruß die Hand aus. Der Vater, nicht ganz bei Sinnen wegen der Wunde, die am Kinn des Kindes klafft, greift zu. Und fragt dann verdattert: "Sie geben noch die Hand? Dann kann die Lage nicht so schlimm sein." Draußen an der Tür hängt ein Warnhinweis zum Umgang mit Covid-19, im Wartezimmer wird gehustet und gekeucht. "Ist sie auch nicht", brummt der Arzt. "In zwei Wochen redet da keiner mehr drüber." Dann klebt er dem Kind die Platzwunde zu, ohne viele weitere Worte zu verlieren.

Der Vater bin ich, die Szene hat sich so zugetragen und sie erinnerte mich daran, was ich an dieser Stadt und den Menschen hier schätze: ihre nordische Kühle. Bürgermeister wollen in Hamburg nicht mehr, als "gut regieren". Ärzte wollen nicht schnacken, sondern Wunden kleben und dann den nächsten Patienten behandeln. Und der Handschlag gilt, so ist das in Hamburg und so bleibt das, auch in Zeiten des Coronavirus. Ein Horst Seehofer, der seiner Chefin öffentlich den Gruß verweigert wie neulich in Stralsund– nun, der ist eben kein Hanseat.

Trotzdem stellen sich Fragen des sozialen Umgangs gerade neu: Einige Stunden vor dem Unfall des Kindes und der Szene beim Arzt war ich beruflich zu einem Gespräch verabredet. Im Eingangsbereich des Bürogebäudes benutzte ich einen der Spender mit Desinfektionsmittel, so wie es die Hinweiszettel an der Glastür forderten – und griff dann nach der ausgestreckten Hand meiner Ansprechpartnerin, die an der Rezeption auf mich wartete. "Äh, macht nichts, ich hab grad desinfiziert", sagte ich entschuldigend, weil sich jeder Handschlag heute wie ein potenzieller Fehler anfühlt. "Gut, ich jetzt auch", sagte sie, als sie ihre Finger aus meiner nassen, kalten und glibberigen Rechten zog. Was ist eigentlich unhöflicher: Warme, aber womöglich verkeimte Hände reichen? Oder garantiert sterile, die sich aber so anfühlen, als wollte man danach erst mal heiß duschen?

Ich bin nicht der Einzige, der von solchen kleinen Unsicherheiten geplagt ist, ich sehe das gerade überall: bei den Menschen, die sich auf der Straße in ihre Ellenbeugen husten – und wenig später mit genau diesen Ellenbogen Türklinken bedienen, die sie mit nackten Fingern nicht mehr anfassen wollen. Oder bei Kollegen, die zögernd vor dem Kaffeeautomaten in der Kantine stehen, weil sie festgestellt haben: Um einen Latte macchiato zu bekommen, müsste man erst das Touchdisplay berühren. Ist ihr Bedürfnis nach Koffein und warmer Milch wirklich so stark, dass sie dieses Risiko eingehen?