"Der Staat darf keine Insolvenzen zulassen" – Seite 1

Die Maßnahmen gegen das Coronavirus treffen viele Menschen in ihrer wirtschaftlichen Existenz. Geschäfte, Kneipen, viele Restaurants sind geschlossen, Schauspieler, Musiker und Künstler können nicht mehr auftreten, zu Fitnesstrainern oder Therapeuten kommen die Kunden nicht mehr. Wie schlimm wirkt sich das auf die Wirtschaft in einer Stadt wie Hamburg aus? Was kann der Staat tun? Und wie lange ist das finanziell durchzuhalten? Das haben wir den Chef des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) Henning Vöpel gefragt.

ZEIT ONLINE: Herr Professor Vöpel, wie heftig wird die Corona-Krise die Hamburger Wirtschaft treffen?

Henning Vöpel: Die Wirtschaftsleistung in Deutschland wird im ersten Halbjahr massiv zurückgehen. Wenn wir im Mai oder Juni zu weitgehender Normalität zurückkehren, wird die Wirtschaft nach unseren Berechnungen um etwa zehn Prozent schrumpfen. In diesem Fall könnte die Wirtschaft im zweiten Halbjahr aufholen. Aber selbst dann kommen wir auf einen Rückgang von mindestens 2,5 Prozent – bei günstigem Verlauf. Und Hamburg wird vermutlich eher etwas stärker getroffen als der Rest des Landes.

Henning Vöpel, Chef des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) © Christian Charisius/​dpa

ZEIT ONLINE: Warum?

Vöpel: Ökonomisch trifft der Shutdown jetzt besonders Branchen, die kurzfristige Dienstleistungen verrichten. Das sind vor allem Eventdienstleister, Kultureinrichtungen, Freiberufler aller Art. Es geht also vom Cafébesitzer über den Schauspieler und Fitnesstrainer bis hin zum Tontechniker. Wenn das soziale öffentliche Leben stark eingeschränkt wird, bricht deren Umsatz unmittelbar ein. Einkommen sinken, Kosten können nicht mehr bezahlt werden, Insolvenz droht. In Großstädten arbeiten deutlich mehr Menschen in diesen Branchen als auf dem Land.

 ZEIT ONLINE: Wie lang reicht deren wirtschaftlicher Puffer?

Vöpel: Bei den meisten nicht lange. Wenn drei Monate kein oder kaum Einkommen generiert wird, wird das bei sehr, sehr vielen an die Substanz gehen. Deren Rücklagen und Kreditwürdigkeit sind oft gering.

ZEIT ONLINE: Das betrifft In Hamburg zuerst die 60.000 Selbstständigen ohne eigene Mitarbeiter, aber natürlich auch viele kleine Betriebe. Allein in der Gastronomie arbeiten in Hamburg mehr als 30.000 Menschen. Was kann der Staat hier tun?

Vöpel: Es hilft jedenfalls nicht, den Unternehmen und Selbstständigen einfach Kredite anzubieten. Das dauert viel zu lange. Die Ökonomie muss quasi "eingefroren" werden und danach weitermachen.

 ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Vöpel: Entgangene Wertschöpfung, also das Einkommen, kann fast nie nachgeholt werden. Sie ist unwiederbringlich. Viele Betroffene werden mögliche Hilfskredite nie zurückzahlen können. Insoweit gilt es, den Status vor der Krise zu erhalten, also die kollektive Unterbrechung staatlich zu finanzieren. Konkret: Der Staat darf keine Insolvenzen zulassen, bis es überstanden ist.

ZEIT ONLINE: Wie könnte das aussehen?

Vöpel: Es muss umfangreiche und unbürokratische Liquiditätshilfen bis hin zu Steuererlässen geben.

ZEIT ONLINE: Das fordert auch die Handelskammer, darüber hinaus spricht sie von der Streckung von Sozialversicherungsbeiträgen für Unternehmen, die Stundung von Mieten oder den Erlass von Gebühren, etwa für die Flächen im öffentlichen Raum. Wird das reichen?

Vöpel: Das sind alles Liquiditätshilfen, das ist gut. Wir brauchen darüber hinaus aber wahrscheinlich auch direkte Einkommenstransfers finanziert durch die Zentralbank.

ZEIT ONLINE: Also eine Art Übergangsgrundeinkommen für alle Betroffenen?

Vöpel: Ja, gewissermaßen ein temporäres Grundeinkommen. Damit der Staat das nicht finanzieren muss, wäre eine Art Helikoptergeld durch die Zentralbank denkbar. Also direkt Geld auf das Konto von jedem Haushalt. Das wäre technisch einfach und schnell.

"Wir gehen davon aus, dass sich die Situation bis zum Frühsommer löst"

ZEIT ONLINE: Je länger die Krise dauert, desto mehr Bereiche der Wirtschaft werden betroffen sein. Das alles wird den Staat viel Geld kosten. Muss sich die Stadt wieder stärker verschulden?

Vöpel: Mit dem Schrumpfen der Wirtschaft werden auch die Steuereinnahmen zurückgehen. Zur Begrenzung der wirtschaftlichen Schäden muss der Staat, also auch Hamburg, sich zur Not und nach Lage verschulden. Es kommt jetzt darauf an, schnell und massiv zu helfen. Alles andere wäre mittelfristig teurer. Auch die Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung muss autark sichergestellt werden. Es darf keine Engpässe und damit Rationierungen geben.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn sich die Situation nicht in zwei Monaten stabilisiert hat?

Vöpel: In unseren Analysen gehen wir – wie gesagt – davon aus, dass die Situation sich bis zum Frühsommer löst. Das klingt zwar optimistisch, alles andere wäre jedoch der Blick in die Glaskugel und nicht mehr seriös zu berechnen.

ZEIT ONLINE: In der Finanzkrise vor gut zehn Jahren stellten sich viele Prognosen im Nachhinein als zu düster heraus. Die Wirtschaft hat sich schneller erholt als gedacht. Die Situation ist dieses Mal eine völlig andere, weil die Maßnahmen unser tägliches Wirtschaften viel stärker treffen. Können Sie uns vielleicht trotzdem Hoffnung machen, dass alles schon nicht so schlimm wird?

Vöpel: Das Problem der Corona-Krise besteht darin, dass es sich um einen – wie Ökonomen sagen – Nachfrage- und Angebotsschock handelt. Das bedeutet, einfache Konjunkturprogramme sind nur bedingt wirksam. Insoweit kommt es jetzt auf zweierlei an: die Ausbreitung der Epidemie und die wirtschaftlichen Schäden zu minimieren. Beides verläuft exponentiell, nimmt also schnell zu. Maßnahmen müssen jetzt also schnell und effektiv sein. Wenn das vernünftig und solidarisch gelingt, können wir vielleicht im Sommer wieder zur Normalität zurückkehren.