Malte Schremmer, 32, bekam 2011 bei einer Reise durch Burkina Faso Durchfall. Da spürte er zum ersten Mal in seinem Leben schmerzlich, wie wichtig Toiletten sind. Er schrieb seine Bachelorarbeit über alternative Sanitärsysteme und gründete das Sozialunternehmen Goldeimer, das seit 2014 Teil der Hamburger Non-Profit-Organisation Viva con Agua ist. Goldeimer macht Komposttoiletten für Festivals – und verkauft in großen Supermarktketten Toilettenrollen aus Recyclingpapier. Ein sehr gefragtes Gut in Zeiten von Corona.

DIE ZEIT: Seit heute steht auf Ihrer Website, dass alles Klopapier im Onlineshop ausverkauft ist. Sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen?

Malte Schremmer: Im Onlineshop ja. Allerdings macht der nur einen einstelligen Prozentbereich unseres Gesamtumsatzes mit Toilettenpapier aus. Wir haben den Shop gegründet, weil es unser Produkt anfangs nur in Hamburg und nur in den Filialen des Drogeriekonzerns Budnikowsky gab. Es kamen aber viele Anfragen aus anderen Regionen Deutschlands.

ZEIT: Wie schnell war Ihr Lager leer?

Schremmer: Was sonst einen Monat lang hält, war dieses Mal in vier Tagen weg. Eigentlich passen ins Lager ungefähr 6.000 Pakete, jeder Kunde muss 9 Packungen bestellen. Das ist kein Anreiz für Hamsterkäufe, sondern hat ökologische Gründe: Wir halten es für sinnlos, eine einzelne Klopapierpackung online zu bestellen und sie sich zuschicken zu lassen. Jetzt, da alles leer ist, wollen wir nichts verkaufen, was wir nicht auf Lager haben, daher haben wir den Shop vorübergehend geschlossen.

ZEIT: Die Toilettenpapierbranche ist eine der Profiteure der Corona-Krise. Sie müssen ein glücklicher Mensch sein.

Schremmer: Das ist überhaupt nicht der Fall. Aus meiner Sicht ist das ganz einfache Mathematik: Niemand wird häufiger scheißen gehen als sonst auch. Wenn jetzt also viele Leute Klopapier kaufen, wird es bald eine Phase geben, in der ganz wenige was brauchen, weil alle einen Vorrat zu Hause haben. Sich zu freuen, dass die Nachfrage gerade explodiert, wäre sinnlos. Der Verbrauch von Toilettenpapier ist keinen großen Schwankungen unterworfen, nicht nach unten und nicht nach oben.

ZEIT: Wird es zu Versorgungsengpässen kommen?

Schremmer: Das glaube ich nicht. Die großen Firmen produzieren am laufenden Band. Ich ärgere mich eher darüber, was das für ein Zeichen unserer Gesellschaft ist. Das ist absolut unsolidarisch – einige decken sich mit allem Möglichen ein und fahren einen Egotrip an den Regalen, während andere nichts mehr bekommen, weil alles leergefegt ist. Es zeigt mir, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der ein paar Dinge grundsätzlich überdacht werden müssen. Mich ärgert diese "Ich zuerst"-Mentalität.

ZEIT: Sie haben selbst keinen Vorrat zu Hause?

Schremmer: Nein, gar nicht. Tatsächlich ist mein Mitbewohner gerade vom Supermarkt gekommen. Das Klopapier war ausverkauft und wir haben nur noch zwei Rollen zu Hause.

ZEIT: Sie haben ja den Vorteil, dass Sie in der Not an was rankommen.

Schremmer: Ich habe kein geheimes Lager. Und was mir viel wichtiger ist zu sagen: Ich käme auch ohne Toilettenpapier zurecht. Es gibt andere Möglichkeiten, sich den Hintern sauber zu machen. Wenn die Menschen mehr Kartoffeln kaufen, kann ich das auf eine Art verstehen. Aber Toilettenpapier ist nichts Essenzielles. Das ist das letzte Produkt, an das ich bei Hamsterkäufen gedacht hätte.

ZEIT: Wie haben Sie die Entwicklung in den vergangenen Wochen erlebt?

Schremmer: Ich habe sie als allererstes in Australien bemerkt, wo die Leute große Mengen an Toilettenpapier aus den Supermärkten rausgetragen haben. Da habe ich gedacht: Was soll das? Dann gab es online immer mehr Bilder von leeren Regalen, Nudeln, Konserven, aber auch immer wieder Toilettenpapier. Das hat die Sache ziemlich befeuert. Und je mehr leere Regale im Netz veröffentlicht werden, desto mehr gehen die Leute los und kaufen ein. Ich glaube aber nicht, dass diese Entwicklung noch Wochen anhält, gerade nicht bei Klopapier. Die allermeisten werden sich irgendwann gut eingedeckt haben.

ZEIT: Auf einmal ist die Aufmerksamkeit groß für Toilettenpapier. Das ist doch ideal für ein Unternehmen wie Ihres.

Schremmer: Das stimmt und ist für uns aus einem Grund erfreulich. Unser eigentliches Anliegen ist nämlich ein viel Wichtigeres: Zwei Drittel der Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu gesicherter Sanitärversorgung, über 500.000 Kinder sterben jährlich an den Folgen von Durchfallerkrankungen. Das Geld, das wir mit dem Verkauf des Toilettenpapiers verdienen, setzen wir für Projekte ein, die daran etwas ändern wollen. Wenn wir dafür nun mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten, hat dieser Irrsinn in den Supermärkten wenigstens einen guten Effekt.