Liebe Leserin, lieber Leser,
ich schreibe Ihnen heute aus Wagen 286 des Eurocity von Berlin nach Hamburg, genauer gesagt: aus Ludwigslust, wo der Zug bis vor wenigen Minuten wegen einer Stellwerksstörung eine ganze Weile allein in der Landschaft stand. Zugverspätungen wegen Stellwerksstörung gehören neuerdings ja zu jenen Problemen, über die man sich fast freut, weil sie sich als sicheres Zeichen der funktionierenden (nun ja) Normalität interpretieren lassen. Und vielleicht gehören Sie ja auch zu den Leuten, die während der stillen Zeit im Frühjahr zu Hause saßen und sich an die Zeit erinnerten, als man sich noch über Lappalien wie Stellwerksstörungen aufregte. Ich kann vermelden: Es ist wieder so weit.
Für gewöhnlich entsteht die "Elbvertiefung" natürlich ganz und gar in Hamburg, das ist so, und das bleibt so, ich weise darauf auch nur hin, damit mein kleiner Bericht aus dem Zug keinen falschen Verdacht bei Ihnen weckt. Allerdings ist die Dichte an Hamburgerinnen und Hamburgern hier um mich herum gefühlt durchaus vergleichbar mit jener auf einer der größeren Wiesen im Stadtpark – wobei sich auf der Stadtpark-Wiese die Abstandsregeln weitaus besser befolgen lassen als hier im Abteil. Woran das liegt, lesen Sie weiter unten in der Rubrik "Der Satz".
Und während wir hier im Zug auf unseren nächsten Halt Büchen zusteuern, will ich Ihnen noch rasch zwei Texte empfehlen, beide stammen aus dem Hamburg-Ressort, vielleicht kennen Sie sie also schon. Weil sie aber einen aktuellen Bezug haben, will ich sie hier dennoch kurz anführen: Am Wochenende herrschte nicht nur in den Hamburger Parks, sondern auch in Scharbeutz Hochbetrieb. Unser Autor Simon Langemann hatte für uns über die mitunter verzweifelten Versuche der Gemeinde berichtet, die genau richtige Menge an Touristen anzulocken und eine Überfüllung des Strandes zu verhindern. Am Wochenende hat dies gut funktioniert. Weniger gut lief es im Schanzenviertel, die Verhältnisse in den vergangenen Sommernächten ähnelten sehr stark denen, die Simon Langemann und Félice Gritti in diesem Text schildern. Diese Woche soll das Wetter wieder schlechter werden. Ob Sie das für eine gute oder eine schlechte Nachricht halten, überlasse ich Ihnen.
Und nun muss ich aussteigen. Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche, morgen früh übernimmt hier die Kollegin Annika Lasarzik. Auf bald!
Ihr Florian Zinnecker
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WAS HEUTE WICHTIG IST
Tausende Menschen haben am Wochenende das laue Sommerwetter genossen. Vor allem auf dem Kiez und in der Schanze kam es dabei zu größeren Menschenansammlungen. Auf der Großen Freiheit sei es so voll geworden, dass die Feiermeile zweimal von der Polizei abgeriegelt werden musste, sagte eine Polizeisprecherin am Sonntag. Nach einiger Zeit habe sich der Besucherstrom wieder entzerrt, und die Zugänge seien wieder geöffnet worden. Dennoch seien am Samstagabend und in der Nacht zu Sonntag nur sehr wenige Ordnungswidrigkeiten festgestellt worden. Auch tagsüber habe es am Elbstrand und in den Parks keine Auffälligkeiten gegeben.
Das Amt für Gesundheit hat seit Freitag drei neue Corona-Infektionsfälle gemeldet. Damit liegt Hamburg nach wie vor weit unter dem Grenzwert, bei dessen Erreichen der Senat über eine Verschärfung der Seuchenschutzmaßnahmen beraten müsste. Seit Beginn der Pandemie wurden insgesamt 5239 Hamburgerinnen und Hamburger positiv auf das Virus getestet, die Zahl der Genesenen schätzt das Robert Koch-Institut nach wie vor auf 4900, die Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 260. In Hamb
Am voraussichtlich vorletzten Verhandlungstag im Hamburger Stutthof-Prozess soll heute der Anwalt des ehemaligen KZ-Wachmanns sein Plädoyer halten. Dem 93-jährigen Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Der Staatsanwalt hat eine Jugendstrafe von drei Jahren Haft gefordert. Der Angeklagte wird am Montag auch die Gelegenheit zu einem letzten Wort bekommen. Die Vertreter der Nebenkläger – rund 40 Überlebende oder Hinterbliebene von KZ-Opfern – haben ihn zu einem Schuldeingeständnis und einer "altersweisen Rückschau" aufgefordert. Das Urteil soll am nächsten Donnerstag verkündet werden.
IN ALLER KÜRZE
In einem U-Bahn-Tunnel in Hohenfelde war am Samstag ein Bretterverschlag in Brand geraten, was zu Behinderungen auf den Linien U1 und U3 führte • Wegen eines Böschungsbrandes zwischen Barmbek und Hasselbrook war der S-Bahn-Verkehr auf der Linie S1 am Samstag für mehrere Stunden unterbrochen •
THEMA DES TAGES
"Ich habe versucht, meine Arbeit möglichst gut ins Digitale zu übertragen"
Vor Corona gehörte Sexarbeit fast im selben Maße zu Hamburg wie die Hafenkräne, die Alsterschwäne und die Rote Flora. Bordelle leuchten prominent auf dem Kiez, die Frauen verstecken sich nicht. 5000 Sexarbeiterinnen soll es in Hamburg geben, schätzt die Hamburger Sozialbehörde. 5000 Euro Bußgeld müsste jede einzelne von ihnen zahlen, würde sie derzeit arbeiten. Seit vier Monaten herrscht für die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Hamburg – wie in ganz Deutschland – Berufsverbot. Gut 400 haben sich vor einer Woche in der Herbertstraße versammelt, um gegen das Berufsverbot zu protestieren. Inzwischen haben die Sexarbeiterinnen ein Hygienekonzept vorgelegt. Wie geht es ihnen im Berufsverbot? ZEIT-Autorin Julia Kopatzki hat mit vier von ihnen gesprochen. Lesen Sie hier die Antwort von Undine de Rivière, die seit 20 Jahren als Domina und Fetisch-Escort tätig ist.
"Ich brauchte kein Verbot vom Hamburger Senat, um nicht mehr zu arbeiten. Schon Anfang März bin ich vorsichtig geworden und habe seither keine Kunden mehr getroffen. Zunächst lief es bei mir wie vermutlich bei den meisten Menschen in Deutschland: Ich habe versucht, meine Arbeit möglichst gut ins Digitale zu übertragen. Die ersten Wochen habe ich damit verbracht, Zoom-Calls zu perfektionieren. Welches Mikrofon funktioniert am besten? Wo ist das Licht besonders gut? Welche Kamera brauche ich? Und wie erreiche ich die Menschen so, als würde ich sie persönlich treffen?
Ich arbeite seit 20 Jahren als Sexworkerin, mein Schwerpunkt lag immer auf persönlichem Kontakt. Jetzt musste ich mir überlegen, wie ich auch anders Geld verdienen kann.
Obwohl ich mir um mich persönlich zumindest finanziell keine Sorgen machen muss, beunruhigt mich die aktuelle Entwicklung sehr. Das Berufsverbot ist objektiv einfach nicht mehr haltbar. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so weit kommt. Allein das Bußgeld von 5000 Euro! Am Anfang war es ohne jeglichen Ermessensspielraum geplant. Jemandem einen runterzuholen wäre also teurer gewesen, als eine Busreise für 30 Leute zu organisieren. Die, die jetzt noch arbeiten, sind doch die, die arbeiten, weil sie das Geld brauchen.
Trotzdem würde ich persönlich auch erst mal weiterhin keine persönlichen Treffen anbieten. Ich fühle mich dafür noch nicht sicher genug. Ich komme Menschen gerne sehr nah, das geht mit einer Maske nicht. Ich vermisse es wahnsinnig, Menschen anzufassen – und auch meine Kunden melden sich immer öfter. Jede Woche bekomme ich mehrere Anfragen. Aber so wie ich für mich entscheide, dass ich das weiterhin nicht mache, sollten alle anderen wieder arbeiten dürfen, wenn sie das möchten."
Warum einige Kolleginnen sich nicht strikt an das Berufsverbot halten, wie realistisch eine Maskenpflicht wäre und warum die Sexarbeiterinnen besonders unter dem Wegfall von Kunden auf Geschäftsreise leiden, lesen Sie in den übrigen Protokollen hier auf ZEIT ONLINE.
DER SATZ
"Nach wochenlanger Leerfahrt oder auch komplettem Betriebsstopp gilt es, endlich wieder profitabel zu werden. Dafür müssen so viele Tickets wie möglich verkauft und somit Plätze belegt werden."
Dieser Satz stammt aus einem Kommentar von Jurik Caspar Iser, erschienen am Sonntag auf ZEIT ONLINE. Der Text dreht sich um eine Frage, die sich in diesen Tagen vielen Reisenden aufdrängen dürfte (das belegen die Kommentare unter dem Text): Warum werden die Corona-Abstandsregeln überall durchgesetzt, aber nicht in Bahn, Bus und Flugzeug? Hier dürfen auch Menschen, die nicht zu einem Haushalt gehören, nebeneinander aufgereiht sitzen. Die Antwort: Die Unternehmen würden mit allen Mitteln versuchen, ihr Minus aus den vergangenen Monaten wieder wettzumachen. Die Regierung habe versäumt, den Unternehmen klare Vorgaben zu machen, argumentiert Iser. "Wenn der Staat will, dass die Abstandsregeln eingehalten werden, muss er selbst eingreifen. Dabei sollte inzwischen klar sein, dass wirtschaftliche Interessen in der Corona-Krise gelegentlich hintangestellt werden müssen."
Ob den Behörden schon Corona-Fälle bekannt sind, die auf eine massenhafte Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzuführen sind, und warum sich die Bahn nicht in der Lage sieht, die Maskenpflicht an Bord ihrer Züge durchzusetzen, können Sie hier auf ZEIT ONLINE nachlesen.
WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN
HAMBURG ZU HAUSE
Romankind: Ein Mädchen zieht aus der Türkei nach Deutschland. Wo fühlt es sich zu Hause? "Pembo – halb und halb macht doppelt glücklich", Online-Lesung mit Autorin Ayşe Bosse für Kids ab neun Jahren.
AUSGEHEN MIT ABSTAND
Held im Auto: Der 22-jährige Zak lebt im Altenheim – wegen seines Down-Syndroms. Das lässt er nicht auf sich sitzen. Roadmovie: "The Peanut Butter Falcon".
Autokino, Heiligengeistfeld, heute, 18 Uhr, je Auto mit zwei Erwachsenen 24 Euro, Tickets online
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
Neulich im Baumarkt. Ich suche Tapetenkleister. Nach einigem vergeblichen Suchen frage ich einen jungen Angestellten nach Tapetenkleister. Er findet das ersehnte Paket nach einer Weile mit der Hilfe weiterer sehr jugendlicher Mitarbeiter. Lächelnd fragt ein anderer aus der Gruppe, ob ich auch noch Tapetenentferner benötige.
"Nö, heute nicht. Vielleicht in ein paar Jahren." –
"Na, dann wissen Sie ja, wo er steht!"
Gehört
von Jutta Ohlenberg
DIE HEUTIGE AUSGABE ZUM VERTIEFTEN LESEN
"Manchmal braucht es Mut zu unpopulären Entscheidungen" (Z+) – Erst sorgte sich Schleswig-Holstein um die Urlaubssaison. Jetzt kommen so viele Gäste, dass die Gemeinde Scharbeutz dichtmachen musste. Wie soll das weitergehen?
"Richtig scheiße, richtig geil" (Z+) – Schanzenviertel, samstagabends: Die Feiernden stehen dicht an dicht. Sie wissen, dass das falsch ist. Warum ist ihr Drang, wieder unter Menschen zu sein, stärker?
"Das Stigma der dreckigen Hure steckt noch stark in den Köpfen" (Z+) – Wie geht es den Hamburger Sexarbeiterinnen an der Reeperbahn, die seit Monaten nicht arbeiten dürfen? Vier von ihnen erzählen. Auch, ob sie wirklich nicht arbeiten.
Kein Wunder, dass viele Menschen lieber Auto fahren – Warum werden Abstandsregeln überall durchgesetzt, aber nicht in Bahn, Bus und Flugzeug? Die Regierung hat es versäumt, den Unternehmen klare Vorgaben zu machen.