Christiane Kassama, 56, ist in Baden-Baden geboren und aufgewachsen. Seit 1985 lebt und arbeitet sie in Hamburg, wo Kassama für eine diskriminierungssensible, rassismuskritische Frühbildung von Kindern in Kita und Vorschule eintritt. Die Pädagogin war früher aktiv in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und organisiert bis heute das Afrikafestival Alafia in Hamburg mit.
ZEIT ONLINE: Frau Kassama, Sie werden gebucht, um die Kitas für eine rassismuskritische Bildungsarbeit zu sensibilisieren. Welche Reaktion erleben Sie am häufigsten, wenn Sie vor Erzieherinnen und Erziehern auftreten?
Christiane Kassama: "Boah, wir müssen sofort unsere Bilderbücher überprüfen." Das ist meistens der erste Satz. Die Kolleginnen und Kollegen merken plötzlich, was sie jeden Tag vorlesen. Vorher haben sie gedacht: Ach, damit bin ich selbst groß geworden, so schlimm kann das nicht sein. Und dann wachen sie auf. Viele Bilderbücher transportieren unbewusst Klischees und damit Rassismus. Kinder, die von Rassismus betroffen sind, identifizieren sich damit und weiße Kinder wachsen mit dieser Einstellung unbewusst auf.
ZEIT ONLINE: Welche Bücher sind es in den Kitas, die ins Altpapier müssen?
Kassama:Jim Knopf wird leider noch oft gelesen. Jim Knopf reproduziert viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen. Auch Pippi Langstrumpf liegt als Buch fast in jeder Kita.
ZEIT ONLINE: Pippi Langstrumpf, die Heldin von Generationen von Kindern, gehört entsorgt?
Kassama: Der Vater von Pippi erzählt von den Ländern, die er bereist hat. Zu jedem Land weiß er eine komische Eigenart. Am Ende zieht er diese Klischees lachend zurück, bloß das Klischee vom Kongo nicht und deshalb bleibt hängen: Im Kongo lügen die Menschen. Genau das bleibt auch bei den Kindern hängen, die das vorgelesen kriegen. In vielen Kitas gibt es auch ein Bilderbuch, das verschiedene Kita-Situationen zeigt. Auf den Seiten ist ein schwarzes Kind abgebildet, deshalb könnte man meinen: Schau, ist doch divers, ist doch gut. Denken viele Pädagogen auch. Aber wenn man richtig hinschaut, sieht man, dass der schwarze Junge unvorteilhaft dargestellt wird: Mal als der Einzige, der nicht im Geburtstagskreis sitzen will oder darf, dann wieder als derjenige, der die anderen Kinder, die sich alle brav die Hände waschen, mit Wasser bespritzt. So wird Rassismus transportiert.
ZEIT ONLINE: Was ist noch zu beanstanden?
Kassama: Das Liedgut. Drei Chinesen auf dem Kontrabass, um ein Beispiel zu nennen. Oder Der Katzentatzentanz, ein Lied, in dem es darum geht, dass eine Katze tanzen will, aber alle Tiere, die sich ihr anbieten, ablehnt, weil sie einen Makel findet, der Igel sei zum Beispiel zu stachelig. Am Ende kommt ein Kater und mit dem tanzt sie. Das Lied wird im Morgenkreis gesungen, zum Turnen und auf Sommerfesten. Was ist die Botschaft? Wer anders ist, ist eklig, ein Ärgernis, wird nicht akzeptiert. Bleib unter deinesgleichen! In dem Lied drückt sich eine Mehrheitsgesellschaft aus, die entscheidet, wer stachelig ist und wer nicht, wer mittanzen darf und wer nicht. Wir müssen Pädagogen dafür sensibel machen.
ZEIT ONLINE: Das tun Sie in der Kita in Groß-Flottbek, die Sie seit zehn Jahren leiten, aber auch bei anderen Trägern als Speakerin. Trotzdem sind rassismuskritische Konzepte in der Frühbildung in Hamburger Kitas selten. Man kann die Einrichtungen, die so was implementiert haben, an zwei Händen abzählen – und das bei knapp 1.100 Kitas in der Stadt. Laufen Sie gegen Mauern?
Kassama: Es gibt ein paar Einrichtungen, die wollen wirklich hingucken und etwas verändern. Und es gibt ganz viele Träger, die zeigen überhaupt kein Interesse. Wichtig ist ja, dass die Leitung das mitträgt. Ich hatte viele Momente, wo Erzieher mich einladen wollten, aber die Leitung dafür keine Notwendigkeit sah.
ZEIT ONLINE: Aus einer Bequemlichkeit heraus?
Kassama: Viele Menschen denken einfach, sie seien nicht rassistisch. Folglich beschäftigen sich viele Menschen generell zu wenig mit Rassismus. Das Thema kommt in Deutschland immer erst auf die Agenda, wenn es einen aktuellen Anlass gibt. Einen Vorfall, einen Übergriff oder, wie seit einigen Wochen, die Proteste in den USA. Es gibt eine Bereitschaft im Moment des Alarms, eine präventive Grundhaltung aber nicht. Beim Schutzkonzept hat man es deutlich gemerkt.
Christiane Kassama, 56, ist in Baden-Baden geboren und aufgewachsen. Seit 1985 lebt und arbeitet sie in Hamburg, wo Kassama für eine diskriminierungssensible, rassismuskritische Frühbildung von Kindern in Kita und Vorschule eintritt. Die Pädagogin war früher aktiv in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und organisiert bis heute das Afrikafestival Alafia in Hamburg mit.
ZEIT ONLINE: Frau Kassama, Sie werden gebucht, um die Kitas für eine rassismuskritische Bildungsarbeit zu sensibilisieren. Welche Reaktion erleben Sie am häufigsten, wenn Sie vor Erzieherinnen und Erziehern auftreten?