Liebe Leserin, lieber Leser,
wir hätten selbst nicht damit gerechnet, dass dieses Thema so groß wird, doch zum Glück ist das Nachrichtengeschäft unwägbar und überraschend, sonst wäre der Job, jeden Tag diesen Newsletter zu schreiben, ein ungleich kleineres Abenteuer. In der Diskussion um eine Lockerung des Heizpilz-Verbots in der Gastronomie jedenfalls ist nun – nein, noch keine Entscheidung in Sicht, dafür ist die Sachlage zu komplex (immerhin haben es die Behörden hier mit den beiden größten politischen Herausforderungen unserer Zeit gleichzeitig zu tun). Nun aber liegt der möglicherweise entscheidende Kompromissvorschlag auf dem Tisch.
Die Problematik ist nicht zu unterschätzen. Weil in den Innenräumen der Hamburger Cafés, Bars und Restaurants nur eine sehr überschaubare Zahl Gäste Platz nehmen darf, haben die Wirtinnen und Wirte einen Großteil ihres Geschäfts an die frische Luft verlagert. Solange die Abende noch so lauschig sind wie zurzeit, ist das kein Problem. Bald aber dürfte die Witterung wieder landestypischere Härten zeigen. Um die abzumildern, wurde vor einigen Jahren der Heizpilz erfunden – und alsbald in Hamburg verboten, zum Schutz des Klimas, allein: nicht flächendeckend, sondern nur im öffentlichen Raum. Auf privatem Boden, etwa auf den Dachterrassen von Hotels oder in bewirtschafteten Innenhöfen, darf Propangas weiterhin verfeuert werden. Die Bezirke als die für öffentliche Flächen zuständigen Instanzen handhaben das Verbot außerdem sehr unterschiedlich. Ein klassischer Kompromiss, politisch sauber gearbeitet, in seiner Wirksamkeit aber ungefähr vergleichbar mit der Idee, in der Öffentlichkeit nur noch auf dem linken Bein stehend rauchen zu dürfen.
Erst plädierte der Hotel- und Gaststättenverband für eine flächendeckende Wiederzulassung, dann sprach sich der BUND dagegen aus, der Umweltsenator regte zu Pragmatismus an (in den Bezirken scheitert eine Lösung zumeist am Widerstand der Grünen), nun sprach sich die CDU für ein wenig mehr Tempo im Verfahren aus und brachte einen Antrag in die Bürgerschaft ein. Gestern schließlich meldete sich Katharina Fegebank (Grüne) zu Wort, Zweite Bürgermeisterin und für die Bezirke zuständige Senatorin. Ihre Anregung: Für den Winter mögen die Bezirke Heizpilzgenehmigungsanträge großzügig bewilligen, im Frühjahr könnte dann ein generelles Verbot folgen. Auf den ersten Blick wirkt dieser Vorschlag – gerade in einer so protestantischen Stadt wie Hamburg – ungewöhnlich exzessiv. Wenn sich die Lösung bewährt, könnte diese Form der Entschiedenheit aber durchaus auch auf anderen Feldern der Stadtpolitik Schule machen (wir denken da etwa an die Verkehrswende oder die Aufklärung der Cum-Ex-Affäre durch ehemalige Bürgermeister und Senatoren, um nur zwei Beispiele zu nennen). Aber natürlich: Eines nach dem anderen. Der Sommer jedenfalls hat, damit die Einigung gelingt, nochmal eine kleine Extrarunde eingelegt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihr Florian Zinnecker
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WAS HEUTE WICHTIG IST
Die Hamburger CDU fordert Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) auf, der Bürgerschaft zum Umgang mit der in den Cum-Ex-Skandal verstrickten Warburg Bank Rede und Antwort zu stehen. Wenn die SPD es mit der versprochenen vollständigen Aufklärung ernst meine, müsse Tschentscher am Freitag zur Sondersitzung des Haushaltsausschusses erscheinen, sagte CDU-Fraktionschef Dennis Thering. Bei den Cum-Ex-Geschäften handele es sich um "den größten Steuerbetrug in der deutschen Geschichte". Es sei ein Schlag ins Gesicht aller ehrlichen Steuerzahler, "dass Hamburg dort auf einen hohen Millionenbetrag verzichtet hat". Die SPD hatte die Teilnahme Tschentschers, der von 2011 bis 2018 Finanzsenator unter Bürgermeister Olaf Scholz war, bereits abgelehnt.
Die Gesundheitsbehörde hat am Montag 21 Corona-Neuinfektionen registriert. Am Sonntag lag die Zahl der Neuinfektionen bei elf, am Samstag waren es noch 51. Am Sonntag und Montag kommt es aber häufig zu Verzögerungen bei der Auszählung, da nicht alle Gesundheitsämter Daten übertragen. In Hamburger Krankenhäusern wurden Stand Montag 24 Covid-19-Patienten behandelt, zwei mehr als am Vortag. Sechs von ihnen liegen auf Intensivstationen.
Zwei Alsterschwäne haben am Sonntagabend den Zugverkehr auf der Lombardsbrücke lahmgelegt. Für den Einsatz wurde der Strom aller S-Bahnen und Fernbahnen auf der Strecke zwischen Hauptbahnhof und Dammtor abgeschaltet, hieß es. Nach einer Stunde konnten die Schwäne von der Brücke gerettet und der Zugverkehr wieder aufgenommen werden.
IN ALLER KÜRZE
Die Hamburger Bäderland GmbH hat aufgrund des guten Wetters einige Freibäder wieder geöffnet. Aktuell haben die Freibäder Festland, Parkbad, Bille-Bad, Naturbad Stadtparksee und das Kaifu-Bad geöffnet, ebenso das Holthusenbad und das MidSommerland • An der Heinrich-Hertz-Schule in Winterhude haben sich mittlerweile 36 Schüler und drei Schulbeschäftigte mit dem Coronavirus infiziert. Damit habe sich die Zahl der Corona-Fälle an der Stadtteilschule im Vergleich zur Vorwoche um zehn erhöht, sagte ein Sprecher der Schulbehörde •
THEMA DES TAGES
"Ich bin sicher, dass viele Läden gar nicht mehr aufmachen werden"
Carsten Marek, 60, sitzt in schummerigem Licht auf einer cremefarbenen Kunstledercouch wenige Meter neben einem Käfig. Bis Mitte März haben sich darin nackte Frauen geräkelt. Seither steht der Käfig leer. Wie auch die 34 Zimmer des Bordells Babylon in Hammerbrook, das Marek betreibt: Die sauber eingerollten Handtücher auf den Bettlaken und die Taschentuchspender auf den Nachttischen sind unberührt. Eigentlich dürfte sich das jetzt wieder ändern: Von heute an ist Sexarbeit in Hamburg unter strengen Auflagen wieder erlaubt. Die Auflagen beinhalten ein striktes Alkoholverbot, Kontaktlisten und Termine nur nach vorheriger Vereinbarung – an der Umsetzung der Auflagen muss Marek noch feilen. Solange bleibt das Bordell erst einmal geschlossen. ZEIT-Autorin Chantale Rau hat mit Marek ein Interview geführt und über die Zukunft, die Gegenwart und Mareks Vergangenheit gesprochen.
DIE ZEIT: Im Zuge der Corona-Verordnungen war Prostitution in Hamburg sechs Monate lang verboten, das Babylon ist seit Mitte März geschlossen. Wo sind die Sexarbeiterinnen jetzt?
Carsten Marek: Genau kann ich das nicht sagen, die Frauen arbeiten hier auf selbstständiger Basis. Viele von ihnen kommen aus Deutschland, aber auch einige aus Spanien, Bulgarien und Rumänien. Als die im Frühling gehört haben, die Grenzen sollen geschlossen werden, sind die schnell abgereist. Einige kommen bestimmt nicht wieder. Andere haben einfach in Hamburg weitergearbeitet. Das lief während des Verbots alles unter dem Radar.
ZEIT: Sexarbeit hat sich ins Illegale verlagert?
Marek: Ja, ganz extrem. Das Internet war voll von Angeboten. Die Frauen haben weitergearbeitet, weil sie von irgendetwas ja leben müssen. Sie haben sich Privatwohnungen gemietet, heimliche Hausbesuche gemacht und ihre Dienstleistungen über Internetseiten angeboten. Ich begreife nicht, dass das so lange toleriert wurde.
ZEIT: Finden Sie, dass die Lockerung der Stadt Hamburg zu spät kommt?
Marek: Ja, schon. Österreich, Holland, die Schweiz –dort haben die Bordelle überall schon länger wieder auf. Vor ein paar Wochen bin ich nach Zürich gefahren. Dort habe ich Prostituierte aus Hamburg getroffen, die zum Arbeiten dort hingereist sind. Da herrschte ein Überangebot. Ich kann nicht verstehen, dass Massagen erlaubt waren, Prostitution aber nicht. In der Zeit, als ich ins Milieu kam, galt Aids als die tödliche Seuche – und trotzdem hat niemand ein Prostitutionsverbot ausgesprochen.
ZEIT: Wie sah Ihr Geschäftsmodell vor der Pandemie aus?
Marek: Gäste zahlten 65 Euro Eintritt und konnten dafür die ganze Anlage nutzen – Schwimmbad, Sauna, Bar, Pornokino, auch Speisen und Getränke waren inbegriffen. Nur Alkohol kostete extra und sexuelle Dienstleistungen auch. Die Gäste konnten so lange bleiben, wie sie wollen. Die Frauen haben auf selbstständiger Basis gearbeitet und zahlten für die Nutzung der Anlage 105 Euro pro Tag.
ZEIT: Wie lief das Geschäft vor Corona?
Marek: Es lief gut. Wenn Messen in Hamburg stattfanden, merkte man das sofort. Mit vielen Taxifahrern hatten wir den Deal, dass sie zehn Euro pro Kopf bekommen, wenn sie Gäste zu uns brachten. Die haben dann Werbung für uns gemacht und Leute vom Kiez zum Babylon gefahren. Vor zwei Jahren ist das leider stark eingebrochen. So ein Moia- oder Uber-Fahrer hat uns gar nicht auf dem Zettel. Schlecht lief auch die Zeit um den G20-Gipfel. Damals war alles gesperrt, drei Wochen lang war kein Gast hier. Eine große Rolle spielt das Wetter: Wenn der erste Schnee fällt, kommen nur zehn, zwanzig Leute ins Babylon. Wenn es zu heiß ist, ist es auch Mist. Dann sitzen die Leute bis spät abends in Cafés rum.
Wie Carsten Marek versuchte, den Betrieb über die vergangenen Monate zu retten, über welchen Umweg er ins Rotlicht-Milieu geriet, aus welchem Grund er vorbestraft ist und welchen Stellenwert die Branche in Hamburg nach dem Ende des Prostitutionsverbots in seinen Augen hat, lesen Sie in der ausführlichen Fassung des Interviews hier auf ZEIT ONLINE.
DER SATZ
"Tennis kann ein komischer Sport sein"
Viel hätte nicht gefehlt, und Alexander Zverev wäre der erste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker gewesen, der ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Dann aber unterlag der 23-jährige Hamburger im Finale der US-Open seinem österreichischen Gegner Dominic Thiem so knapp, dass selbst Experten von einem Drama sprechen. Nicht nur deshalb, weil Zverev und Thiem abseits des Tennisplatzes gut befreundet sind. Sondern auch deshalb, weil das Finale im Tiebreak des fünften Satzes entschieden wurde, zu einem Zeitpunkt, als beide Kontrahenten sich kaum mehr bewegen konnten. Über weite Strecken hatte Zverev das Finale sogar dominiert, auch in den Vorrunden war das Turnier für ihn bestens verlaufen. "Nach seinem Aufstieg und Siegen auf Masters-Niveau und bei den ATP-Finals waren die vergangenen zwei Jahre nicht immer leicht", schreibt ZEIT ONLINE-Autor Jannik Schneider über das Spiel, "doch der beste deutsche Spieler seit Boris Becker und Michael Stich hat sich in New York auch menschlich von der besten Seite präsentiert."
Welcher Moment im Spielverlauf des Finales die Wende brachte, wie Alexander Zverev auf die Niederlage reagierte und welche Rolle dabei die Corona-Infektion seiner Eltern spielte, können Sie in Jannik Schneiders Spielbericht hier auf ZEIT ONLINE noch einmal nachlesen.
WAS SIE HEUTE ERLEBEN KÖNNEN
März & Moritz: Welche Neuerscheinungen sollten Sie auf keinen, welche in jedem Fall lesen? Beim literarischen Trio debattieren darüber Ursula März, Rainer Moritz und Carsten Otte.
Livestream, heute, 19.30 Uhr, 5 Euro, Tickets online
Zum Vormerken (I): Storytelling, Poetry Slam und Märchenstunde treffen aufeinander; "Geschichtensalon – der neunte!",
Goldbekhaus, Bühne zum Hof, Moorfuhrtweg 9, Do, 17.9., 20 Uhr, VVK 14 Euro, Tickets online
Zum Vormerken (II):Allen Jones gilt als Pop-Art-Ikone, thematisiert mit seiner Kunst vor allem Geschlechterrollen und Sexualität. Ausstellung: "Performance in Print",
Tom Reichstein Contemporary, Halle 4J, Stockmeyerstraße 41, Eröffnung: Do, 17.9., 16–20 Uhr, Ausstellung: 18.9.–20.9., 12–18 Uhr
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
In der Schlange vor der Post auf der Eppendorfer Landstraße. Zwei Frauen beklagen sich über den viel zu seltenen Besuch ihrer erwachsenen Kinder.
"Ich finde, ein Anruf pro Woche ist zu wenig", sagt die eine, "sie wohnt zwar in Australien, aber WhatsApp kostet doch nichts." – "Man fühlt sich manchmal wie eine lästige Verehrerin", seufzt die andere. Da schaltet sich eine Frau hinter ihnen ins Gespräch. "Meine Töchter rufen ständig an, wegen jeder Kleinigkeit. Das kann auch zu viel werden."
Die beiden Mütter schweigen. Dann flüstert die eine: "Angeberin."
Gehört von Evelyn Holst
DIE HEUTIGE AUSGABE ZUM VERTIEFTEN LESEN
"Ich bin sicher, dass viele Läden gar nicht mehr aufmachen werden" (Z+) – Lange hat der Betreiber des Hamburger Großbordells Babylon auf das Ende des Prostitutionsverbots gewartet. Nun dürfte er wieder öffnen – aber er weiß noch nicht, wie.
Am Ende nur noch Drama – Ein humpelnder Sieger hier, ein weinender Verlierer da. Ausgerechnet gegen seinen guten Freund Alexander Zverev dreht Dominic Thiem ein historisches US-Open-Finale.