Um es gleich mal vorwegzusagen: Nein, es ist nicht in Ordnung, dass Jugendliche im Hamburger Stadtpark mit Flaschen werfen, wenn die Polizei anrückt. Die Flaschenwürfe verletzen nicht nur Polizeibeamte, sondern auch Unbeteiligte, die zufällig im Weg stehen oder mit ihren Sandalen in die Splitter treten. Geht nicht klar, Leute, lasst es bleiben! Und trotzdem: Wäre ich in diesen Tagen ein Jugendlicher, ich hielte es mit den Beastie Boys: "You gotta fight for your right to party."

Warum? Weil ich es ungerecht finde, dass ausgerechnet die Jungen, die anderthalb Jahre Rücksicht auf uns Ältere genommen haben, jetzt die Buhleute der im besten Fall ausklingenden Pandemie sein sollen, während wir auf Normalbetrieb schalten können. Am Samstag gegen 19:30 Uhr bin ich an der Alster entlanggeradelt, es waren angenehme 24 Grad, alle 50 Meter warb eine andere Likörbude mit "Aperol-Spritz-nur-6-Euro"-Schildern. Zu Hunderten, ach was, Tausenden strömten die Menschen ans Alsterufer, standen in Gruppen um die Buden herum, nahmen in der Abendsonne einen Drink, die Kaschmirpullis locker um die Schultern gelegt, die Herren im fliederfarbenen Hemd, die Damen ein leichtes Sommerkleid, dazwischen wuselten die Alsterläuferinnen und Alsterläufer.

Wo Erwachsene sich vergnügen, ist Polizei nicht zu sehen

Am Sonntagnachmittag, 26 Grad bei strahlender Sonne, konnte ich im Außenbereich eines stadtbekannten Szenelokals auf St. Pauli endlich mal wieder Bekannte treffen. Ein DJ mischte geschmackvoll Italo-Disco, Motown und Tropicalia, wir tranken nachhaltig produzierte Minzbrause, Alsterwasser und Weinschorle und steckten ordentlich die Köpfe zusammen. Hey, du auch hier! Wowee, super, dass das jetzt endlich wieder geht! Fühlt sich noch ein bisschen strange an, oder? Aerosolübertragung an der frischen Luft? Weiß man ja, kommt so gut wie nicht vor. Die Zettel, auf denen man aus Rückverfolgungsgründen seine Anwesenheit eintragen sollte, blieben meist unbeachtet.

Polizei? Hier wie dort nicht zu sehen. Wo erwachsene Menschen sich vergnügen, lässt man sie weithin gewähren. In den Parks und auf den Plätzen, wo junge Leute zusammenkommen, weil sie sich kein Aperol Spritz für 6 Euro leisten können und auch keine nachhaltig produzierte Minzbrause, sieht es anders aus. Im Schanzenviertel räumte die Polizei das Schulterblatt, auf dem Alma-Wartenberg-Platz trieb sie Feiernde mit Wasserwerfern und Räumpanzern auseinander, auf dem Heiligengeistfeld warf sie Jugendliche auf den Boden.

Seit einigen Wochen nun entfaltete sich im Stadtpark jeden Freitag und Samstag das immer gleiche Szenario: Sobald die Dämmerung einsetzt, strömen junge Leute, oft minderjährig, auf die große Wiese, feiern, tanzen und trinken in kleinen Gruppen. Meist gegen Mitternacht beginnen Einheiten der Bereitschaftspolizei in Kampfmontur, die Jugendlichen von der Wiese zu treiben, dabei fliegen Flaschen, es kommt zu Rangeleien, Beschimpfungen. Inzwischen scheint ein Teil der Jugendlichen nicht mehr zu kommen, um zu chillen und zu feiern, sondern auch, um die Auseinandersetzung zu provozieren und  mitzuerleben, was abgeht, wenn die Polizei einschreitet. Fight for your right to party? Im Stadtpark ist das spätestens seit dem abgelaufenen Wochenende Volkssport.