Nach 91 gespielten Minuten zeigten die Hamburger Profis ein gutes Gespür für die Situation. Sie gingen erhobenen Hauptes, aber ohne Zeichen der Freude oder auch nur der Erleichterung. Sie hatten verloren, zum 21. Mal in den 34 Spielen der regulären Saison. Ein seltener Ausreißer in der Statistik, dass es zwei noch schlechtere Teams gibt, und sich der HSV gegen den Zweitliga-Dritten – Fürth oder Paderborn, das entscheidet sich am Sonntag – noch retten kann.

Aber was in aller Welt mag Heiko Westermann da durch den Kopf gegangen sein? Oder eher, da zum Denken keine Zeit war, wozu hat sein Instinkt den oftmaligen HSV-Kapitän und Nationalspieler verleitet? Die achte Minute im letzten Bundesliga-Saisonspiel in Mainz: Westermann will im Getümmel des eigenen Fünfmeterraums den Ball mit der Brust zu Torwart Adler zurückspielen, der Mainzer Soto spritzt dazwischen, 0:1.

Szenen wie diese, ein früher Rückstand nach unbegreiflicher Fehlleistung, haben den Hamburgern zuletzt Woche für Woche allen Mut und jede Chance genommen. Was Heiko Westermann, der als ehrliche Haut und aufrechter Kämpfer wahrgenommen wird, da wollte, ist leicht zu erraten: eine Situation souverän und mit Klasse lösen. Da beides, Souveränität und Klasse, dem HSV nicht wirklich zu Gebote steht, war hier natürlich kein Kunststück in alter Beckenbauer-Manier gefragt, sondern irgendeine sichere Klopper-Aktion. Es war, als würde Westermann die ganze Misere seines sich bis zum Schluss selbst überschätzenden Klubs in einer einzigen Aktion abbilden.

Die einzige Hoffnung war, wie seit vielen Wochen, dass die auf den direkten Abstiegsplätzen liegenden Braunschweiger und Nürnberger ebenso untergehen würden – so geschah es tatsächlich.

Doch nachträglich betrachtet machte Westermanns Fehler die folgende Darbietung des HSV umso bemerkenswerter. Pierre-Michel Lasogga glich schon fünf Minuten später zum 1:1 aus, und das Team um den stark aufspielenden Rafael van der Vaart drückte den starken Gegner zurück, als hätte es die Krise, die demoralisierende Serie von Niederlagen und die quälende Tendenz zur Selbstzerfleischung im Verein nie gegeben. Für Momente blitzte sogar Spielfreude auf, eine pure Lust am Fußball – derart flotte und einfallsreiche Angriffszüge hatte es seit Monaten nicht gegeben. Da war weit mehr Selbstvertrauen und Unbeschwertheit, als man den Hamburgern zugetraut hätte.  

Zugegeben, in der zweiten Hälfte war es mit dem Glanz und der Lust weitgehend vorbei. Und als in der 65. Minute Malli für Mainz zum 2:1 traf, konnten die HSV-Fans nur deshalb ruhig bleiben, weil die Konkurrenten sich parallel regelmäßig Gegentore einfingen. Koo erhöhte auf 3:1, der eingewechselte Ilicevic schaffte noch ein zweites Tor – am Ende nicht gut, aber auch nicht katastrophal.

Die Ausgangssituation des Hamburger SV hat sich auf der psychologischen Seite durchaus verbessert: Diese Mannschaft kann spielen, auch unter Druck. Sie wird in den Relegation als Favorit eingestuft werden, auch wenn Trainer Mirko Slomka alles tun wird, diesen Eindruck zu vermeiden. Ob er damit bei seinen Spielern durchdringt, könnte entscheidend dafür sein, ob der "Dinosaurier" der Liga im 51. Jahr noch einmal davonkommt.