Eigentlich ist es kein gutes Zeichen, dass den Anhängern des Hamburger SV mittlerweile wohl egal ist, was ihr Sportchef Oliver Kreuzer in der Woche so an Motivationshilfen aufbietet. Die Münchner Bayern würden "keine Lust haben, ins Flugzeug nach Hamburg zu steigen", sagte er nach dem 0:4 des kommenden Gegners gegen Real Madrid – eine kecke Mutmaßung angesichts der ganz unmotivierten Lustlosigkeit, die das eigene Team so oft gezeigt hat. Und nicht wirklich hilfreich zur Einstimmung auf die vorletzte Chance am Samstag, Punkte gegen den Abstieg zu sammeln.

Tatsächlich haben viele Fans alle sportliche Hoffnung fahren lassen und setzen – egal für welche Liga – auf einen radikalen Umbruch, der am 25. Mai vollzogen werden könnte. Bei der Mitgliederversammlung braucht eine Gruppierung namens HSV plus 75 Prozent Unterstützung, um den Profifußball als eigene Gesellschaft aus dem Verein auszugliedern. Die "Plusser", wie sie sich lässig nennen lassen, setzen auf strategische Partner, die Anteile an der AG erwerben können, und wollen umgekehrt den Einfluss der Fans auf Gremien und Entscheidungen kappen. Ähnliches hatte der im Stile eines eiskalten Managers agierende Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann schon einmal versucht, ehe ihn nicht zuletzt die über 50.000 Mitglieder starken Supporters über ihre Vertreter im Aufsichtsrat 2011 davonjagten.

Was sich da im Schatten der Abstiegsangst und eines drohenden Lizenzentzugs abspielt, verdient durchaus die Bezeichnung "Kulturkampf". In den neunziger Jahren formierten überall Fangruppen ihre Kräfte, um über demokratische Vereinsstrukturen direkte Teilhabe am Objekt ihrer Liebe und Leidenschaft zu gewinnen; wenige so effizient wie die HSV-Supporters. Manche Clubs "retteten" sich durch ein Ausgliederungsmodell vor dem liebevollen, aber im Ergebnis erdrückenden Zugriff ihrer Anhänger. Abschreckendes Beispiel waren die chaotischen Jahre von Schalke 04, als in Mitgliederversammlungen plötzlich auftauchende Volkstribune mit ein paar Sätzen und Tränen ganze Personaltableaus und Zukunftspläne über den Haufen warfen. Nicht selten erhöhte Alkohol das dabei hilfreiche Pathos.

Klaus-Michael Kühne neigt zum Mitregieren

Beim Hamburger Stadtrivalen FC St. Pauli mag sich der Griff der Fans nach der Macht wie eine Neuauflage des "Marsches durch die Institutionen" angefühlt haben, am Ende geriet der Verein nach dem Abgang des reichen Patriarchen Heinz Weisener aber in eine existenzbedrohende Krise. Der die Scherben aufkehrte, nämlich der Theater-Unternehmer Corny Littmann, bremste den Fan-Einfluss aus und nahm dafür in Kauf, dass ihm beim Rücktritt 2010 kaum eine Träne nachgeweint wurde. Es erleichterte seine historische Tat, dass Littmann mehr Schlagzeilen als schwuler Präsident eines Fußballclubs denn als rücksichtsloser Vereinsmachtpolitiker machte. Vom erwähnten Marsch bleibt exemplarisch die Karriere von Sven Brux: ein Veteran des Fan-Aktivismus, der angestellter Fanbeauftragter wurde und inzwischen ganz funktionell die Ressorts Organisation und Sicherheit leitet.

Die Unterstützer von HSV plus treibt erkennbar auch der Wunsch, die derzeit Verantwortlichen um jeden Preis loszuwerden. Präsident Carl-Edgar Jarchow wird sich aber ebenso schwer aus dem bezahlten Amt drängen lassen wie der glücklose Sportdirektor Kreuzer. Und dass die organisierten Fans ihrer eigenen Entmachtung zustimmen, ist mindestens unsicher.

Am Ende haben die "Plusser" nur einen echten Trumpf in der Hand: Der Mäzen Klaus-Michael Kühne hat klargemacht, dass er nur nach erfolgter Ausgliederung des Profifußballs sein Privatvermögen rettend angreifen würde. Kühne ist aber eher kein strategischer Partner im Hintergrund – der Logistik-Milliardär bastelt gern mit, wie er beim von ihm finanzierten Comeback seines Lieblingsfußballers Rafael van der Vaart bewies. Die Neigung zum Mitregieren verbindet den 76-Jährigen mit vielen der Mogule, Scheichs, Oligarchen und sonstigen Schwerreichen, die überall in Europa zugegriffen haben, wo die Strukturen ihnen das erlaubten.

Ob das dem HSV zu mehr Kompetenz und effizienterer Kontrolle verhilft? Kühne hat, Ausgliederung oder nicht, "die Raute im Herzen" – so lautet seit jeher die Bekenntnisformel traditionsseliger Fans, die die Vereinspolitik bestimmen. Das Ergebnis ist gerade zu besichtigen.