Nachdem wir uns rechtzeitig aus dem Aufstiegsrennen verabschiedet hatten, drohte kein Ergebnisdruck die diesjährige Abschlusspartie am Millerntor zu kontaminieren. Das bedeutete: Für einmal nicht ärgern müssen über sackstarke Erzgebirgler aus Aue, die Auswärtsfahrten nach Hamburg traditionell mit der Mitnahme von drei Punkten krönen. Aue ist unser humorlosester Gegner. Die Statistik habe ich nicht zur Hand. Aber gefühlt haben wir denen zu Hause nie einen Punkt abgejagt.

Diese Humorlosigkeit macht sie sympathisch. Zumindest einer im Stadion findet das. "Seit Jahren kommen die hierher und schießen trockene Tore", sagt Carlos. Das war auch am Sonntag der Fall. Zwei herrliche Maier-Tore (das eine leitete er mit genialem Pass ein, das zweite schoss er selbst) glichen die Gäste aus dem Osten mit ihrer altbekannten Penetranz aus. Drei Chancen – schon hatten sie zwei Tore. Wenn sich Tradition so stringent fortsetzt, wird sogar die Einmann-Meckerecke neben mir emotional: "Ich mag sie."

Die Brummel- und Grummelzentrale neben mir zeigte Empathie! Offenbar ging die emotionale Wolke, die an diesem Muttertagssonntag das Stadion flutete, auch an Carlos nicht schadlos vorbei. Der Meckerer liebt Aue. Wer Zuneigung zum Gegner entwickelt, lernt vielleicht irgendwann, die eigene Mannschaft zu lieben. Wir werden die Entwicklung von Carlos aufmerksam verfolgen.

Urheber der emotionalen Wolke war natürlich "Boller". Der größte Held der vergangenen zwölf Jahre hatte seinen letzten Arbeitstag in einem seiner beiden Berufe. "Nach zwölf Jahren Fußballheld jetzt nur noch Beamtengeld", sprach die Süd und setzte einen vielsagenden Nachsatz ans Ende des Transparents: "Wir sehen uns auf der Straße." Dort wird der Oberkommissar "Boller" allerdings nicht aufzufinden sein. Zumindest beruflich nicht. Er hat es mehr mit dem Schreibtisch als mit dem Schlagstock.

Ein Schmachtfetzen von Thees Uhlmann

Das Spiel endete in der 75. Minute beim Stand von 2:2. Dann wurde "Boller" ausgewechselt. Fußballerisch passierte von dem Moment an nichts mehr. Dafür nahm das Flennen in den Kurven kein Ende. Der "FußBollgott" (Transparent auf der Nord) hatte zum letzten Mal unseren Rasen verlassen. Anlass genug für einen Tränenschauer, den Barde Thees Uhlmann nach Abpfiff mit seinem Schmachtfetzen über ein Spiel namens Fußball zur Sintflut steigerte. Ein bisschen Extrapyro gab es auch noch.

Bei so viel Bewegung konnten auch die Auer nur stehen bleiben. Sie verharrten im Stadion. Sie beklatschten ihren Gegner "Boller", weinten mit und wurden am Ende von den St. Paulianern ihrerseits bejubelt. Hast du es gesehen Carlos? Deine Meinung ist Mainstream. Nicht nur du liebst Aue. Alle lieben Aue!

Es wird Zeit, dass die neue Saison beginnt.