Als Pierre-Michel Lasogga zu Beginn der vergangenen Saison von Hertha BSC Berlin ausgeliehen wurde, war ich mir nicht sicher, was mich und meinen HSV erwarten würde. Lasogga war zwar schon damals U21-Nationalspieler, aber wirklich überzeugt hatte mich das Leihgeschäft trotzdem nicht. "Ein mittelmäßiger Zweitligastürmer kann dem HSV nicht weiterhelfen, U-21 hin oder her" – so dachte ich vor einem Jahr.

Inzwischen ist klar, dass ich mit meiner Einschätzung falsch lag: Ohne Lasogga wäre der HSV heute ein Zweitligaklub. 13 Tore schoss der bullige Stürmer in der vergangenen Saison in nur 20 Spielen, darunter das extrem wichtige Tor in der Relegation gegen Greuther Fürth. Für den ausgeliehenen Lasogga wäre es der perfekte Abgang gewesen: Ganz Hamburg hätte ihn für immer als den Spieler in Erinnerung behalten, der den Super-Gau verhindert hat.

Lasogga ging nicht. 8,5 Millionen Euro zahlte der HSV an die Herthaner, um den Stürmer langfristig an den Verein zu binden. 8,5 Millionen Euro, die den Stürmer zu lähmen scheinen.

Lasoggas Bilanz in der laufenden Saison ist ernüchternd: Null Tore in sechs Spielen. Bei der 1:2-Niederlage gegen Frankfurt schoss der 22-Jährige ganze zweimal auf das gegnerische Tor und gewann nur 38 Prozent seiner Zweikämpfe. Auch sonst wirkt Lasogga in dieser neuen Saison seltsam abwesend, obwohl er bisher immer auf dem Platz stand. Seine Kicker-Durchschnittsnote ist in meinen Augen fast schon schmeichelhaft: 4,7.

Er sei noch nicht wieder hundertprozentig fit, wird zu Lasoggas Verteidigung immer wieder angeführt. Das mag sein. Dann muss aber die Frage erlaubt sein, warum der HSV seit dem ersten Spieltag auf einen Stürmer setzt, der nur bedingt leistungsfähig ist?

Ich glaube, dass Lasoggas Leistungstief andere Gründe hat: In der vergangenen Saison war die Erwartungshaltung an den Stürmer noch nicht so hoch, wie sie es jetzt ist. Der 22-Jährige konnte befreit aufspielen und tat das auch. Mit seiner Unbeschwertheit erinnerte er mich phasenweise an den jungen Lukas Podolski, der auch nie viel nachdachte, sondern einfach traf.

In der neuen Saison ist das anders: Jetzt sind alle Augen auf Lasogga gerichtet, gerade in der aktuellen Situation, wo die Offensivabteilung des HSV als Schwachpunkt der Mannschaft identifiziert wurde. Wer selber mal Fußball gespielt hat, weiß: Je länger eine Torflaute anhält, desto größer wir der Druck, den der Spieler sich selber macht.

Lasogga hat sich in der vergangenen Saison unglaublich viel Kredit bei mir und allen anderen HSV-Fans erspielt. So viel Kredit, dass er diesen kaum in nur einer Saison verspielen könnte, selbst wenn er bis zum Saisonende torlos bleiben sollte. Das muss Lasogga sich immer wieder vor Augen führen, wenn er droht zu verkrampfen. Mein Rat für das Spiel gegen Dortmund am kommenden Wochenende: Kopf aus, Ball rein!