Die Möglichkeiten, ein Fußballspiel zu verfolgen, sind fast unbegrenzt. Doch fällt das W-Lan aus, ist es dahin mit der Freiheit des Fans. W-Lan in allen Bussen, verspricht meinfernbus.de. Aber dann sitze ich da, im Bus von Hamburg nach Zürich. Ich habe elf Stunden Fahrt hinter mir – und das W-Lan funktioniert ausgerechnet an diesem Tag in diesem Bus auf dieser Strecke während des Auswärtsspiels unserer Jungs im Erzgebirge: nicht. Damit kein Sky auf dem Rechner. Kein Liveticker. Und auch kein AFM-Radio. 

Ich fühle mich zurückversetzt in die Steinzeit. Wieder nur die SMS meines Nachbarn Klaus als einzige Informationsquelle. Es sind dürre, spärliche Informationen, die mich auf der Autobahn erreichen. Aber in ihrer Tragik sind sie brutal.

Die verpassten Chancen von John Verhoek, Lennart Thy, Florian Kringe und Michael Görlitz in der ersten Halbzeit kommentiere ich busintern mit noch zaghaften Flüchen – und bösen Ahnungen im Hinterkopf. Auf Klaus’ Mitteilung vom 1:0 der Auer antworte ich überlegen kühl mit: "Dann können unsere vier Tore jetzt ja kommen." Doch umgehend der erste Nackenschlag in der 56. Minute: "Dein Tipp ist dahin: 2:0.

Die nächste Depesche ist maximal gemein in ihrer Art: "Rate mal?" Ich suche in meinem Kopf, im Rucksack, zwischen den Sitzen nach letzten Krümeln von Optimismus und tippe tollkühn "2:4 für uns" ins Telefon. Könnte ja sein, Spiel gedreht. Sekunden später: "Falsch."

In solchen Momenten ist es hart, allein zu sein. Ich habe keine Lust, die Mitfahrenden an meiner Verzweiflung teilhaben zu lassen. Womöglich sind Erzgebirgler unter ihnen. Heute gönne ich, eingeklemmt, bildlos, psychisch kontaminiert von der sich abzeichnenden Niederlage, niemandem mehr Triumphe.

Aber nun: Was tun mit dieser Niederlage? Was tun mit dem Spott, der auf mich hereinbrechen wird von all jenen, die meine letzte Kolumne gelesen haben, die ich noch tropfend vor Optimismus nach dem Meggleschen Neustart in die Tasten haute?

Das Unvermeidliche passiert: nun auch noch DER. Carlos natürlich. SMS von Carlos. Ich vermute, er wird Salz und Zitronensäure und Himalajapfeffer und Feuerquallenkonzentrat in meine Wunde schütten. So ist er immer. 

Aber Carlos ist für einmal fast still, statt Spott reiner Trübsinn: "0:3 beim Tabellenletzten, mehr (weniger) geht wohl kaum. Mann, da weht Drittligageruch durchs Stadion. Habe ich noch in der Nase ..." Ich rieche ihn auch. Obwohl hinter mir einer Käsebrot isst. Er dünstet herauf. Es waren schlimme vier Jahre. Ich erinnere mich: Es war kalt in der Hölle. Und es tropfte ins Bier (Stadiondach war später).

"Da hast Du dich ja zum richtigen Zeitpunkt aus dem Staub gemacht", schreibt Carlos noch, sich offenbar selbst bemitleidend, weil er ohne mich das nächste Spiel ertragen muss.

Ich werde irgendwo im Gebirge sein am Dienstag. In einer Gegend, wo der Fernbus nicht hinkommt. Wo es nirgendwo ein Stadion gibt, wo jede Wiese zu steil ist, um Fußball zu spielen. Und ich werde das nächste Spiel ertragen, wie immer es auch ausgeht. Denn ein W-Lan, irgendeins, wird’s bei den Steinböcken wohl geben.