Das kann gar nicht angehen! Die Zuschauer raunen ehrfürchtig, als Serdal Celibi einen Abpraller annimmt und übers halbe Feld Richtung Strafraum dribbelt. Den Ball eng am Fuß, lässt er zwei Gegenspieler aussteigen und tunnelt dann auch noch den Torwart. Jubel, Abklatschen, Anstoß, Weiterspielen. Alles ganz normal? Nicht wirklich. Denn Serdal Celebi ist blind. Wie alle Spieler der Begegnung zwischen dem deutschen und dem rumänischen Nationalteam, die mit einem zehn zu null endet. Fast die Hälfte seiner 30 Jahre schon kann Serdal Celebi nicht sehen. Dennoch kickt der Physiotherapeut nicht bloß so nebenbei, sondern mit professionellem Aufwand.          

"Blind und Fußball", sagt der blinde Vorzeigespieler des FC St. Pauli in einem Kurzfilm über seinen rasanten Weg vom Anfänger zum Auswahlspieler, "war für mich unmöglich." Und jetzt? Nominiert ihn der Bundestrainer vielleicht für die anstehende Weltmeisterschaft in Japan.

Was für eine Karriere.

Die allerdings nicht nur für Serdal Celebi lange fern jeder Vorstellungskraft lag. Ausgerechnet die Nation mit den vier Sternen auf dem Trikot war bis zur Heim-WM 2006 ein Blindenfußballentwicklungsland. Als Südamerika, Großbritannien und Spanien längst reguläre Meisterschaften auf hohem Niveau austrugen, war hierzulande für Blinde in der deutschen Kernsportart noch nicht viel los. Dann aber stieg Michael Löffler in einen Zug nach Berlin und alles wurde völlig anders.

FC St. Pauli gründet Deutschlands erste Blindenfußballabteilung

Löffler ist von Geburt an blind und wurde mit Radioreportagen des WDR zum Fußballfan. Der Wahlhamburger aus dem Münsterland hatte sich schon auf ein Leben passiver Zuneigung eingestellt – da hörte er von einem Workshop mit zugehörigem Einladungsturnier in der Hauptstadt. Beim International Blind Challenge Cup, erinnert sich der Enddreißiger an den Mai vorm Sommermärchen, machten die besten Länderteams der Welt Werbung für ihren Sport: Zwei Teams à vier Spieler plus sehendem Torwart. Mit raschelndem Ball, großer Inbrunst und diesem seltsamen Gebrüll, das nach martialischem Schlachtruf klang – vor Zusammenstößen aber gerade warnen soll.

Dieses dauernde "voy" (spanisch für "ich komme") ging Michael Löffler fortan ebenso wenig aus dem Kopf wie die ungeahnte Chance, seiner Leidenschaft aktiv nachgehen zu können. Also wandte sich der Zollbeamte an den FC St. Pauli und gründete mithilfe seiner Frau die erste Blindenfußballabteilung eines deutschen Fußballclubs. "Schließlich hatte das Millerntor schon immer einen besonderen Sound", erinnert er sich an die Neunziger, als das sangesfreudige Publikum im Millerntor-Stadion die akustische Ausnahme der atmosphärisch blutleeren Bundesliga bildete. "Für blinde Fans wie uns war das perfekt."

So fand sich Löffler bald nach dem Berliner Erweckungserlebnis auf einem Handballfeld mit hüfthohen Banden wieder. Blinde Kicker versuchten, einen Kopfschutz tragend, den kleinen, im Inneren mit Rasseln versehenen Fußball zu treffen. Anfangs oft erfolglos. Mit jedem Training aber ein wenig besser. Heute in formvollendeter Virtuosität. Löffler spielt mit exzellenten Fußballern wie dem Nationalspieler Serdal Celebi in einer Bundesliga mit neun Teams. Womit wir bei Wolf Schmidt wären, dem Trainer.