Die ersten gruseligen Töne eine Stunde vor Anpfiff. Einer aus der Gruppe vor uns hatte Bier geholt, und kaum hatte jeder seine Tasse, erschall es folgendermaßen: "Dem Spender sei ein Trullala!" Klaus schaute mich entgeistert an. Ich beantwortete den Blick mit ähnlichen Stilelementen. Das war nicht der Sound, den wir von der Gegengeraden gewohnt sind. Klang eher nach Malle oder Reeperbahn am Freitagabend.

Die nächste Stimmungsoffensive der Ballermann-Combo gab uns erste Hinweise, wie deren Existenz auf unserer Tribüne zu erklären sein könnte: Sie prosteten lautstark in Richtung Baustelle und Bunker. Mein Freund Klaus neben mir war ausnahmsweise gedankenschneller als ich. Er wusste die Zeichen zu interpretieren: "Nordkurve!"

Natürlich, dort wo jetzt eine Baustelle ist, stand gegen Dortmund noch die Nordkurve. Und irgendwohin mussten die Nordkurvler mit ihrem etwas anderen Gesangesgut, ihren etwas anderen Frisuren und ihren gewöhnungsbedürftigen Humorausbrüchen ja ausweichen. Jetzt entdeckte Klaus auch noch die wehende Fahne vor uns: "Nord-Support" – kein Zweifel, die Nordkurve hatte sich als Exil ausgerechnet das Plätzchen vor uns ausgesucht.

Nach der Höchststrafe der Nachschlag

Na dann Prost. Willkommen! Wenn Ihr noch einen ausgeben wollt, dann sei dem Spender ein Trullala.

Aber die Malle-Rhythmen blieben nicht die einzigen befremdlichen Töne an diesem Tag. Der Fußball-Samstag geriet akustisch zum Tag des Grauens. Bewusst wurde mir das spätestens, als sogar Braunweiße mit den Heidenheimern nach dem 0:3 "Oh, wie ist das schön!" grölten.

Höchststrafe. Für die Spieler. Für mich. Das Bier in meiner Tasse wurde sauer. Trullala.

Und dann noch: die Verwandten und alten Freunde! Ich konnte mir schon während des Spiels Szenen unseres seit Meisterschaftsbeginn zu 100 Prozent glücklosen Millionenstürmers Ante Budimir nur mit einer etablierten Fußballweisheit erklären: "Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh." Nun erging es mir genauso. Scheiße im Ohr.

Denn nach der Höchststrafe der Nachschlag: telefonische Kommentare von den Verwandten aus der alten Heimat. Beileidsbekundungen! Mitleid! Aufmunternde Worte! Und das aus der Schweiz!

Als St. Paulianer bin ich hart im Nehmen. Aber so was ist unverdient. Verwandte und alte Freunde hocken in ihrem kleinkarierten Ländchen rum, das fußballerisch nur aus dem FC Basel und der "Nati" besteht. Sie hocken in einem Land, in dem sich höchstens zwei Dutzend Zuschauer für die dortige Fußballmeisterschaft interessieren. Von Leuten aus diesem Land muss ich mir, nachdem sie in der Sportschau den FC gesehen haben, anhören: "Oje, das tut uns jetzt aber sehr leid für dich, das muss doch schrecklich sein, so etwas, du Armer, wir leiden mit dir."

Da fehlte nur noch, von Seiten dieser hochkompetenten Empathiker, eine Einladung zu einem Spiel des FC Zürich als Trösterchen. Falls Sie, liebe Leser, es nicht wissen: Der FCZ ist ein Verein, der kein Fußballstadion hat. Deswegen spielt der Klub auf einer Wiese inmitten eines Leichtathletik-Rundkurses. Vor durchschnittlich 5.000 Zuschauern. Und Fans dieses Vereins haben Erbarmen mit mir. Verstehen Sie nun, was ich meine? Höchsthöchststrafe.

Wir haben ein Stadion. Sogar eins mit Baustelle. Und das Stadion ist immer voll. In diesem Stadion erträgt man auch Trullala. Man erträgt den Untergang.