Hamburgs Mittelfeldspieler Valon Behrami fehlte beim 2:1-Erfolg gegen Mainz 05 verletzungsbedingt, trotzdem war der 29-Jährige für mich einer der Garanten für den Heimsieg des HSV. Der Schweizer Nationalspieler hatte vergangene Woche nach der 1:3-Niederlage gegen den FC Augsburg für Unruhe im Verein gesorgt, als er die Mentalität seiner Mitspieler kritisierte. "Uns fehlt Charakter, vor allem aber fehlt Persönlichkeit. Das kannst du nicht trainieren. Wenn du das nicht hast, ist es schwer, das zu erlernen", sagte Behrami.

Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob eine solche doch recht harte Kritik an den eigenen Mitspielern nicht lieber intern geübt werden sollte, ich persönlich bin allerdings der Meinung, dass die Äußerungen des Schweizers inhaltlich durchaus berechtigt und in ihrer Form angemessen waren.

Der Ansicht waren offenbar auch die HSV-Verantwortlichen, und so beeilten sie sich, den Schweizer in Schutz zu nehmen. Die angesprochenen Spieler selbst konnten mit der Kritik weniger anfangen und wehrten sich unter anderem in Person von Dennis Diekmeier gegen die Vorwürfe ihres Kollegen, eine charakterlose Truppe zu sein.

Cleber war bereits als Fehleinkauf abgestempelt

Der Auftritt gegen Mainz wirkte auf mich dann so, als wollte kein HSV-Spieler sich jemals wieder dem Vorwurf der Charakterlosigkeit ausgesetzt sehen. Daher bin ich geneigt zu glauben, dass Behramis Kritik gerade deshalb richtig war, weil sie öffentlich geübt wurde und sie die Spieler bei ihrer ihrer Ehre gepackt hat.

Dass man seine Mitspieler auch anders motivieren kann, hat HSV-Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier bewiesen. Der 25-Jährige äußerte sich unter der Woche ebenfalls öffentlich zu den Trainingsleistungen eines Mitspielers. Über Abwehrkollegen Cleber sagte Diekmeier. "Er lernt unheimlich gut unsere Sprache, gibt die Kommandos jetzt schon auf Deutsch. Ich finde das beeindruckend und habe im Training das Gefühl, dass er immer sicherer wird." Und Cleber, der von vielen HSV-Fans schon als Fehleinkauf abgestempelt wurde, bestätigte Diekmeiers Trainingseindrücke mit einer guten Leistung inklusive Führungstreffer zum 1:0.

Insgesamt spielte der HSV gegen Mainz eine sehr ordentliche Partie. In der zweiten Halbzeit erhöhte van der Vaart die Führung auf 2:0, und das erste Mal seit gefühlt drei Jahren konnte ich mich während eines HSV-Spiels sogar ein wenig entspannen.

Dann kamen die Schlussminuten.

Wer bis zur 89. Minute nicht gewusst hatte, was Valon Behrami mit der fehlenden Persönlichkeit bei den HSV-Spielern meinte, sollte es ab eben jener 89. Minute deutlich vor Augen geführt bekommen. Noch einmal zur Erinnerung: Der HSV führte zu diesem Zeitpunkt 2:0. Normalerweise bietet diese Konstellation aus Spielstand und verbleibender Zeit kaum noch Raum für Spannung oder Dramatik. Beim HSV ist aber nichts normal und so wurde es aus Hamburger Sicht doch noch mal unnötig spannend: Zunächst kassierte die Mannschaft den Gegentreffer zum 1:2, und in der Nachspielzeit sogar fast noch den Ausgleich. Das Behrami-Interview hätte ich gerne gehört.

Nach 14 Spieltagen ist der HSV jetzt auf Platz 13 in der Tabelle. Ich wäre froh, wenn das bis zum Schluss so bliebe. Noch habe ich allerdings meine Zweifel. Denn selbst nach Siegen wie gegen Mainz werde ich das Gefühl nicht los, dass das Hamburger Spielkonzept größtenteils auf Glück, Zufall und Hoffnung basiert. Das mag hin und wieder gut gehen, auf lange Sicht ist der Verein so aber zum Scheitern verurteilt.

St. Pauli-Kolumnist Urs Willmann ist gerade im Urlaub. Seine "Gegengerade!" fällt diese Woche daher aus.