ZEIT ONLINE: Herr Kerber, Sie entscheiden, welche jungen Fußballer in Hamburg vom DFB gefördert werden. Was ist für Sie ein Talent?

Stephan Kerber: Meine Ansicht dazu hat sich im Laufe der Zeit verändert. Anfänglich war mein Blick stark auf die Balltechnik konzentriert. Damit hat man aber nicht erfasst, ob ein Kind schnell auf der Strecke war, ob es in der Offensive umschaltete oder ob es charakterlich positive Züge in sich trug. Das hat sich dann gewandelt. Die Komponente Technik wurde erweitert, das Raumgefühl rückte mehr in den Fokus.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist der Wille?

Kerber: Es ist entscheidend, wie beharrlich ein Kind ist. Für mich ist im Laufe der Zeit deutlich geworden: Wille schlägt Talent. Es gibt ja auch Grobmotoriker, die über emotionale Intelligenz verfügen und dadurch erfolgreich sind. Sie haben ein gutes Gespür für Spielsituationen, sie wissen genau, was eine Mannschaft gerade braucht und begehen im richtigen Moment ein taktisches Foul oder holen eine Ecke raus.

ZEIT ONLINE: Ab welchem Alter ist Wille denn sichtbar?

Kerber: Ich habe Bilder vor mir, wo Kinder mit der Faust im Magen trainiert haben, zu verbissen, aggressiv, nicht nachlassend. Präzision und Perfektionismus sind früh erkennbar, auch Torhunger, sie lassen sich aber noch steigern. Wir versuchen, die charakterlichen Voraussetzungen der Kinder in der E- und D-Jugend mit Provokationsregeln sichtbar werden zu lassen.

ZEIT ONLINE: Was kann man sich darunter vorstellen?

Kerber: Durch bewusst falsches Entscheiden der Coaches am Stützpunkt kann ich sehen, wie das Kind reagiert – ob es den Faden verliert, ob es ausfallend wird oder ob es andere denunzieren muss. Top-Spieler zeichnen sich durch einen unaufgeregten Umgang mit Niederlage und Sieg aus. Sie gehen souverän mit Stress um.

ZEIT ONLINE: Ein Vorwurf, den man immer wieder hört: Die neue Spielergeneration ist zu brav. Achten Sie sehr auf gute Manieren?

Kerber: Wir wollen sicherlich nicht nur braves Verhalten, aber achten schon darauf, dass ein Kind eine gute Erziehung, gute Werte und eine gewisse Disziplin vermittelt bekommen hat. Man kann früh sehen, ob es ein kompletter Egoist ist oder Empathie mitbringt.

ZEIT ONLINE: Ist ein empathischer Mensch ideal für einen Mannschaftssport?

Kerber: Um durchzukommen, hat der Egoist einen Vorteil. Die Leute mit der größten individuellen Klasse müssen nicht unbedingt Teamplayer sein, das gilt auch für den Weg in die nationale Spitze. Das Geschäft heute ist gerade sehr empfänglich geworden für Egoisten. Es gibt Scouts und Berater, die genau auf solche Spieler anspringen ...

ZEIT ONLINE: Und Sie, setzen Sie auch auf Egoisten?

Kerber: Ich denke, man darf nicht vergessen, dass Egoisten Trainern auch Probleme bereiten: mit ihrem Einfordern, mit zu viel Ballbesitz, mit fehlendem Abspiel vor dem Tor. Es ist daher wichtig, auch Kinder nach oben zu pushen, die auf Mitspieler achten und sozial kompetent sind.

ZEIT ONLINE: Aber gibt es denn wirklich Spieler, die es so aus Hamburg nach ganz oben geschafft haben?

Kerber: Ja, beispielsweise Hanno Behrens, der mit Darmstadt in die Bundesliga aufgestiegen ist und aktuell beim 1. FC Nürnberg spielt. Er stammt aus Elmshorn und wurde einst als Sensationszugang beim HSV gefeiert. In seinem alten Verein rettete und entschied er in der B-Jugend Spiele, kümmerte sich aber auch um eine gute Atmosphäre. Er ist durch seine Leistung für das Team in den Fokus gerückt. Diese Qualität war in der HSV-Mannschaft offenbar noch nicht so ausgeprägt vorhanden. Auch dem heutigen HSV-Profi Ashton Götz, der einige Jahre jünger als Behrens ist, werden solche Eigenschaften zugesprochen.