Die Stärken des Gegners zu überhöhen, um von den eigenen Stärken abzulenken, das ist ein beliebtes Mittel im großen Sport. Man begegnet ihm aber auch in der fünftklassigen Fußball-Oberliga Hamburg. Bevor sie an diesem Freitagabend um 19 Uhr mit der Begegnung zwischen Altona 93 und TuS Dassendorf in eine neue Runde startet, greifen die Manager beider Vereine darauf zurück. Dassendorfs Jan Schönteich kürt Altona zum "Top-Favoriten" der Liga und sein Pendant Andreas Klobedanz revanchiert sich mit dem Bonmot, Dassendorf sei "das Bayern München der Oberliga".

An beiden Aussagen ist durchaus etwas dran, beide Mannschaften gehören zu den besten der Stadt. Dassendorf holte zuletzt dreimal in Folge den Meistertitel in Hamburgs höchster Liga. Und Altona will, obwohl es mit einem runderneuerten Kader in die neue Spielzeit geht, unbedingt um den ersten Platz mitspielen. In einem unterscheiden sich die Teams allerdings grundsätzlich: in ihren Aufstiegsambitionen. 

Dassendorf, nahe dem Sachsenwald am östlichen Stadtrand gelegen, ist dreimal Meister geworden, hat sich aber nie für die nächsthohe Spielklasse gemeldet. Altona dagegen hat die Regionalliga als Ziel ausgerufen. "Wir holen keinen Spieler, der sich in der Oberliga die Beine ausschütteln will", sagt Manager Klobedanz. Der Wille zum Sprung ist noch größer geworden, nachdem die Mannschaft am Ende der vergangenen Saison statt Dassendorf an Aufstiegsspielen teilnahm und unter dramatischen Umständen scheiterte.

Woher stammt dieses unterschiedliche Anspruchsdenken? Wie kann es sein, dass sich der Hamburger Abo-Meister nicht außerhalb der Stadt, gegen Gegner aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein, beweisen will und lieber anderen den Vortritt lässt? 

Um Antworten zu finden, muss man sich zunächst bewusst machen, wo die beiden Vereine ihre Heimspiele austragen. Altona tritt im fünftältesten Fußballstadion Deutschlands an, der 1908 eröffneten Adolf-Jäger-Kampfbahn, und ist nach dem HSV und dem FC St. Pauli Hamburgs drittbeliebtester Fußballclub. In der vergangenen Oberliga-Saison kamen im Schnitt 668 Zuschauer. Das ursprüngliche Ambiente im Stadion in Bahrenfeld lockt Fans an, die auf den sogenannten großen Fußball keine Lust mehr haben oder ihn nie attraktiv fanden.

Dassendorf indes hat überhaupt kein Stadion, sondern eine Spielstätte, an der nur ein mit Gras übersäter Hang ins Auge fällt, von dem man nicht nur einen guten Blick auf das Spielfeld, sondern auch in die benachbarten Gärten hat. Um ein bisschen Stimmung herbeizuführen, versuchte der Dauermeister vor einigen Monaten, die Ultra-Gruppierung eines damals in der Kreisklasse spielenden Nachbarclubs abzuwerben. Vergeblich.

"Geld ist nicht unser Problem"

Altona und Dassendorf stehen vor einer hohen Schwelle. Zwischen der 4. und 5. Liga verläuft die maßgebliche Grenze im deutschen Fußball. In der Oberliga spielen, trotz der Tatsache, dass sich auch dort schon Geld verdienen lässt, Amateure, in der 4. Liga spielen Halb- und Vollprofis. Vereinen, die in der Regionalliga spielen, schreibt der DFB eine Tribüne und hohe Sicherheitsauflagen vor. Und es kommen erheblich höhere Kosten auf sie zu, allein schon wegen der weiteren Auswärtsfahrten. Altona spielte zuletzt in der Saison 2008/09 in der Regionalliga – und das Abenteuer endete in einem finanziellen Desaster. Lange scheute man das wirtschaftliche Risiko daher, doch weil der Verein seit vergangenem Herbst zwei Großsponsoren hat, erscheint die 4. Liga möglich. Neben dem langjährigen Hauptförderer Barthel Armaturen gibt es mit Perlwitz Armaturen einen weiteren "Premium-Partner", wie man es im Verein formuliert.

Bei Dassendorfs Anti-Regionalliga-Haltung spielen finanzielle Aspekte keine Rolle. "Geld ist nicht unser Problem", sagt Manager Schönteich. Der Sponsor des Klubs ist seit vielen Jahren der Unternehmer Michael Funk, der in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit mehreren Immobilienfirmen aktiv ist. Dank seiner Zahlungen haben zuletzt diverse Ex-Profis ihren fußballerischen Lebensabend auf dem Dorf verlebt. Zur neuen Saison ist Marcel von Walsleben-Schied, der vor seiner Heirat unter dem Namen Marcel Schied bekannt war, nach Dassendorf gewechselt. Der 33-Jährige, der unter anderem bei Hansa Rostock unter Vertrag stand, kann sogar ein Länderspiel für die deutsche U21-Nationalmannschaft vorweisen.

Aber es gibt im Leben immer Probleme, die sich mit Geld nicht lösen lassen. Die Dassendorfer Gemeindeverwaltung wolle keinen Regionalligafußball vor ihrer Haustür, sagt Schönteich. Die Lokalpolitiker argumentieren mit Lärm- und Anwohnerschutz. Hinzu kommt, dass der Norddeutsche Fußballverband verlangt, dass ein Regionalliga-Verein über eine A-, B- und C-Jugendmannschaft verfügt. Der Verein hat aber nur eine C-Jugend. Dassendorf ist nun mal kein Ballungsgebiet, es leben nur knapp 3.000 Menschen dort.