Sehr geehrter Herr Beiersdorfer,

noch etwas mehr als zwei Wochen, dann geht die Bundesliga-Saison wieder los. Am Wochenende erreichte mich Ihr Brief mit der neuen Dauerkarte. Für mich jedes Mal wieder ein besonderer Moment, mit dem der Ärger über die vergangene Spielzeit schlagartig verschwindet. In diesem Jahr aber ist es anders. Denn Sie haben mir neben der Dauerkarte ein Schreiben zugeschickt, das über neue Regeln zur Mindestnutzung informiert.

Ist das wirklich Ihr Ernst? Sie wollen mir vorschreiben, dass ich mindestens zwölf von 17 Heimspielen besuchen muss, ansonsten verliere ich mein Vorkaufsrecht? Seit mehr als 34 Jahren gehe ich ins Volksparkstadion. Als ich das gelesen habe, hätte ich die Raute am Liebsten aus meinem Herzen verbannt.

Dass Sie die Dauerkartenpreise für Mitglieder auf der Stehtribüne um fast 10 Prozent auf inzwischen 205,70 Euro erhöht haben, kann ich noch mit einem müden Lächeln quittieren. Wer kann sich Ihrem Argument "gestiegene Kosten im Bereich der Sicherheit" in diesen Zeiten schon verwehren. Dass Sie Ihren treuen Fans nun aber auch noch vorschreiben wollen, wie oft sie im Stadion zu erscheinen haben, ist ein Foulspiel am zwölften Mann. Und das nach Jahren der fußballerischen Magerkost, mit zwei Relegationsteilnahmen als traurigen Höhepunkten – nicht gerade eine Glanzparade in puncto Timing und Fingerspitzengefühl.

Ihre Begründung klingt zunächst plausibel und zustimmungswürdig. Sie verweisen auf die vielen ungenutzten Dauerkarten, denen eine Heerschar an traurigen Fans gegenübersteht. Nach ihren Ausführungen warten diese sehnsüchtig darauf, wie ich auf der Nordtribüne zu stehen, um die Stimmung im Stadion anzuheizen. Nur: Wer sagt denn, dass diese Heerscharen ihre Dauerkarten häufiger nutzen würden als die bisherigen Inhaber?

Zudem schreiben Sie, dass sich der HSV über stets volle Ränge und die damit einhergehende lautstärkere Unterstützung der Mannschaft freuen würde. Kann ich ja verstehen: Leere Sitzschalen und Betonstufen sind kein motivierender Anblick. Allerdings frage ich mich, warum es dann nicht als Nutzung zählt, seine Karte in Ihrer Ticketbörse zur Verfügung zu stellen, wenn man mal nicht kann. Sie verdienen bei diesem Schritt durch einen Aufschlag doch sogar zweifach an Ihren Fans.

© Vera Tammen

In Ihrem Brief heißt es weiter, dass eine Dauerkarte auch dann als genutzt gilt, wenn jemand anderes mit ihr ins Stadion geht. Na dann ist doch alles gut, könnte man meinen. Aber so einfach ist das nicht. Fragen Sie mal in Ihrem Freundeskreis herum, ob sie jemand auf der Tribüne vertreten möchte! Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Ich habe meine Stehplatz-Dauerkarte daher in den vergangenen Jahren in der Ticketbörse angeboten, wenn ich aus beruflichen oder familiären Gründen verhindert war. Auch hier findet sich nicht immer ein Abnehmer. Wie kann das sein, wenn doch angeblich so viele warten?

Haben Sie sich vielleicht mal gefragt, warum die Dauerkarten nicht immer genutzt werden und das Stadion nicht mal mehr bei Topspielen ausverkauft ist? Könnte es sein, dass ein Zusammenhang zwischen sportlicher Leistung und Stadionbesuch besteht? Nach einer weiteren Saison, in der der Verzehr einer fettigen Bratwurst im Sägespan-Brötchen und der völlig überteuerte Genuss eines königlichen Dosenbieres als Höhepunkt einer Ausfahrt in den Volkspark gelten, sollten Sie darüber nachdenken.

Die Vorfreude, die ein anstehender Stadionbesuch auch nach fast 30 Jahren ohne Titelgewinn noch immer in mir auslöst, ist in der Regel kurz nach dem Anpfiff verflogen. Einfach zu dürftig sind die auf dem Rasen gebotenen Leistungen in den letzten Jahren: Nur fünf von 17 Heimspielen hat unsere Mannschaft in der vergangenen Saison gewonnen und damit die traurigen sechs Siege aus der Vorsaison sogar noch unterboten!

Wie in jedem Jahr bleibt uns die Hoffnung, dass es in der neuen Saison besser läuft. Dazu werde ich meinen Teil als Mitglied der HSV-Fangemeinde beitragen – im Stadion und außerhalb. Mitglied in einem Sportverein, der seinen Fans bevormundende Drohbriefe schreibt, möchte ich hingegen nicht länger sein. Ich kündige meine Mitgliedschaft zum nächstmöglichen Zeitpunkt.

Mit freundlichen Grüßen

René Beck