Nein, König der Löwen zu sein, das reicht ihm nicht. "Joshua III., König von Hamburg", das würde cool klingen, sagt Joshua, neun Jahre. "Warum eigentlich der Dritte?" Die Frage bringt den Jung-Monarchen kurz aus dem Konzept, dann setzt er sein breitestes Lächeln auf: "Stimmt, es gibt ja noch gar keinen König Joshua. Dann werde ich eben Joshua I.!"

An Selbstbewusstsein und Phantasie mangelt es Joshua offenbar nicht, und beides braucht er nun, kurz vor seinem zweiten großen Auftritt beim Musical König der Löwen. Der Neunjährige hat eine der Hauptrollen im ersten Akt: Er wird den Löwenjungen Simba spielen, auch er ein potenzieller Thronfolger, der erst noch die Intrigen seines Onkels Scar überstehen muss.

 Seit 13 Jahren spielt der König der Löwen nun in der Hansestadt, und das Epos über den Kreislauf des Lebens ist immer noch regelmäßig ausverkauft. In dieser langen Zeit musste das Musical eine Herausforderung meistern: zwei zentrale Figuren, neben Simba dessen Freundin Nala, müssen von Kindern gespielt werden. Die sollen afrikanisch aussehen, nicht größer als 140 Zentimeter sein, toll tanzen und singen können - und keine Scheu haben, vor 2.000 Zuschauern aufzutreten.

Der Stimmbruch beendet die Karriere

Manchmal ist die Karriere der mühsam ausgebildeten Nachwuchsschauspieler plötzlich beendet: "Manche wachsen urplötzlich und werden groß wie Basketballer, andere kommen unerwartet in den Stimmbruch", sagt Felix Sauer, Leiter der Kinderabteilung beim Musical-Veranstalter Stage Entertainment. Löwenschule heißt seine Abteilung und regelmäßig finden in einem großen Trainingsraum in der Speicherstadt Massencastings von bis zu 60 Kandidaten statt. Denn der Bedarf an kleinen Löwen ist groß. Insgesamt 118 Löwenkinder sind seit der Premiere 2001 bis heute auf der Bühne aufgetreten. Mindestens sechs kleine Simbas und sechs Nalas werden ständig benötigt, da aus rechtlichen Gründen nur ein Auftritt pro Woche erlaubt ist.

Das Schwierigste aber ist der eigene Anspruch des Musicals: "Wir sind eine höchst professionelle Show, Kinder können aber keine echten Profis sein", sagt Sauer. "Das ist immer eine Gratwanderung." Seit 2007 bildet Sauer aus, und er sagt, so langsam habe er alle Typen mal gehabt. Den Obermacker etwa, der auf der Bühne klein mit Hut ist. Das wortkarge Mauerblümchen, das plötzlich über sich hinauswächst. Oder der fantasievolle Kauz, der irre talentiert ist. Und Joshua, der neue Simba, Nummer 56 seit der Musical-Premiere 2001? Eine Rampensau, sagt der 45-Jährige lachend, "der hat uns erst in letzter Sekunde, bei der Generalprobe, gezeigt, wie gut er wirklich ist." Mit Überraschungen ist also immer rechnen. "Eigentlich heißt es ja: Arbeite niemals mit Kindern und Tieren", sagt Sauer. "Ich habe das Vergnügen, mit Kindern zu arbeiten, die sich in Tiere verwandeln."

"Los, zeigt mir eure bissigste Haltung!"

Wie das aussieht, zeigt er beim Training in der Löwenschule, nur drei Stunden vor dem nächsten Bühnenauftritt. Bunte Linien auf dem Boden markieren Laufwege für die Tänze. Sieben Kinder sind gekommen, darunter Joshua und Rebecca, die ihre dunklen Locken zu kleinen Zöpfen gebunden hat. Sie hustet. Dabei ist sie Nala Nummer 62. Sie soll an diesem Abend auf die große Bühne. Die Musik wird angestellt, das Lied Löwinnenjagd ertönt aus den Boxen, die Achtjährige tanzt ein Solo. Alles wirkt perfekt, Sauer findet dennoch Kleinigkeiten, die perfekter hätten sein können. Die Kopfbewegung ganz am Anfang etwa. Oder die Mimik im Mittelteil. "Du bist listig und freust dich über jede Antilope, die du fängst", erklärt er. Also nochmal.

Am Ende der Einheit sollen alle gleichzeitig einen wütenden Löwen mimen. Die Kinder senken ihre Köpfe, gehen in Angriffshaltung, die Augen aufgerissen, die Arme ausgestreckt, die Finger zu Krallen verformt. Dann brüllen sie los: "Woaaah!" Sauer will noch mehr sehen. Einst hat er selber die Hyäne Ed und das Erdmännchen Timon im Musical gespielt. Jetzt ruft er: "Ihr sollt kratzen, ihr seid Löwen! Los, zeigt mir eure bissigste Haltung!"