Off-Kino im Pferdestall – Seite 1

Mit etwas Fantasie kann man sich das Hufgetrappel noch vorstellen. Am alten Kutschenaufzug, wo die Treppe hinauf führt zu den samtroten Sälen mit den samtroten Sitzen, die noch echte Sitze sind und keine Liegewiesen, hier also – Matthias Elwardt klingt selbst leicht ungläubig – "führte eine Rampe zu den Ställen". Früher, viel früher, zu Zeiten, da Kinos nicht Cinemaxx hießen, sondern Lichtspielhäuser, Prachtbauten, in die rein statistisch jeder vierte Bürger ging, wenn dort schwarzweiße Western liefen oder Schwarzwaldmädels in Technicolor. Als Kinos noch Filmtheater waren. Als Kinos waren wie das Abaton noch heute.

Abaton. Bei dem Wort leuchten Cineasten-Augen. Griechisch für das "Unzugängliche", mag er leicht abweisend klingen; 1970 war er die Einladung zweier Einzelkämpfer, dem erwachenden Blockbuster in einer niveauvollen Nische zu entkommen. Seit Werner Grassmann und Winfried Fedder sie sich vor mehr als vier Jahrzehnten im Pferdestall eingerichtet haben, läuft inmitten des Hamburger Uni-Viertels also, was andernorts oft fehlt: Dokumentarisches und Arthaus, Kinder- und Experimentalfilme, "das Beste des europäischen und deutschen Kinos", sagt der verantwortliche Elwardt. "Aber auch mal aus Hollywood", fügt er vor seinem kleinen Reich hinzu. Wenngleich dann nur im Original.

Mit diesem Credo hat der geschäftsführende Gesellschafter, dem man seine 51 Jahre nicht ansieht, beide Vorgänger erfolgreich beerbt. Vom Studenten im angrenzenden BWL-Institut über erste Aushilfsjobs an der Kasse bis hin zur Leitung, die er vor fast einem Vierteljahrhundert übernahm, verbringt der Schleswig-Holsteiner schon sein halbes Leben im Dunstkreis des Abaton.

"Viel sperriges Zeugs"

In dieser Ära hat er es als Institution des Off-Kinos gefestigt, deren 25 Mitarbeiter für 550 Plätze nach wie vor subventionsfrei bezahlt werden. Und dass, obwohl darauf viel sperriges Zeugs zu sehen ist, wie Matthias Elwardt in einer der vielen Anekdoten erzählt, die er so gern zum Besten gibt.

Vom Jahr 1997 zum Beispiel. Damals wollte ihm der Verleiher partout Titanic andrehen, ein lukrativer Reihenfüller, aber eben kein Abaton-Film. Also lehnte Elwardt den Bombast der Marke Cameron dankend ab, zeigte lieber einen Schüler Hark Bohms und siehe da – mit 1.500 Zuschauern pro Kopie übertraf Härtetest zum Start selbst Leonardo DiCaprios Schiffeversenken.

Gut, dass der Studentenfilm sonst nirgends lief, relativiert die Zahl ein bisschen. Doch erst Dank dieser Anschubinszenierung fand er bundesweit Verbreitung – und festigte so den Ruf des Abatons als Forschungsstation des europäischen Independent-Films.

Von einer Sonderstellung unter den 200 Programmkinos im Land will der Laborleiter zwar dennoch nichts hören, als er an diesem sonnigen Frühlingstag in Chucks und Jeans und arg engem Shirt durch die hundertjährigen Hallen führt. Auch das älteste sei man wohl nicht. Trotzdem ist es in jedem seiner geschliffenen Sätze zu spüren – dieser unverhohlene Stolz auf das Haus, von dem er gern in der ersten Person spricht. Das Abaton sei ein Kino, sagt sein Chef, das allein 2013 in 5.300 Vorführungen 341 Filme gezeigt hat und bei 206 Premieren 350 Ehrengäste begrüßt, deren Namen den Roten Teppich zum Foyer zusehends füllen.

Donnerstag wird Fassbinders "Baal" wiederaufgeführt

Vor allem Regisseure sind darauf verewigt, die kreativ Werktätigen hinter den Schauspielstars, zu denen es wieder Elwardt-Storys satt gibt. Über Sam Mendes, dem er zum Welterfolg American Beauty Rosen streute. Über Fassbinder, der zur Wiederaufführung seines Baal ab dem 10. April wohl kaum länger bliebe als jene paar Minuten vor 35 Jahren, da Die dritte Generation hier anlief. Über Matthias Glasner, der hier als Vorführer zum Regisseur reifte. Oder auch über Wim Wenders, der den Kinosaal für eine Vorführung mit seinen Schülern umsonst buchen durfte – und im Gegenzug normale Tagesgäste gegen Eintritt reinlassen musste, was sich für alle Beteiligten gelohnt hat. Und natürlich über Fatih Akin, der seit seinem ersten Kurzfilm ständig aus dem nahen Altona anreist, um dem staubigen Charme des Stalls Glanz zu verschaffen.

Wie nötig der ist, zeigt ein oscarprämiertes Werk mit vielen Pferden vor wenigen Zuschauern – ganze drei verlieren sich am Nachmittag in 12 Years A Slave. Ein Hinweis darauf, dass der Ticketverkauf 2013 um sieben Prozent zurückging. Matthias Elwardt ist dennoch nicht bange um die Zukunft, das widerspräche seinem Naturell, dafür ist der fanatische Cineast zu pragmatisch.

Multiplexe etwa sind ihm zwar zuwider, aber eher wegen der "Nacho-Kauer" als der Konkurrenzsituation. Weil er "nicht zur Mythologisierung" neigt, hat Elwardt an diesem Sehnsuchtsort des Kinos auch keinen Lieblingsplatz: weder das gediegene Bistro noch sein chaotisches Büro, ja nicht mal ein Eck im großen Saal oder den Vorführraum dahinter mit seiner antiquierten Celluloidmaschine, die selten läuft, da digital einfach besser ist, wie der Chef eher unromantisch betont.

Und so ist das European Cinema of the Year 2011 auch nicht um der Nostalgie Willen ein Lichtspielhaus mit 78 Sachfilmpremieren und täglicher Schulvorstellung, sondern weil es zwischen UCI und Zeise in Ottensen Bedürfnisse befriedigt: der Kunst ebenso wie des Publikums. Dafür sichtet er mit 600 Filmen mehr als das Jahr Neuerscheinungen hat, stets die fließenden Grenzen zwischen Hollywood und Absurdistan im Blick. Deshalb zeigt Elwardt zwar das stargetränkte Grand Hotel Budapest und nimmt am Filmfest Hamburg teil, aber nicht an der Dokumentarfilmwoche. "Wir haben ja im Grunde das ganze Jahr Festival."  Sagt er. Und was er sagt, ist Abaton-Programm. Und was Abaton-Programm ist, setzt Maßstäbe. Maßstäbe fürs Kino, Maßstäbe für die Kunst. Alles in einem alten Pferdestall.