Wie zwei Kater auf Beutefang streunen sie durch Altonas Gassengewirr. Ganz in schwarz gekleidet, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen, damit sie vor dem Nieselregen geschützt sind. Und vor den Blicken der Passanten. Ihre Kameras haben Nino und Daniel unter ihren Anoraks versteckt. Hat ein Objekt ihre Begierde erweckt, zücken sie die Apparate jedoch in Sekundenschnelle. "Hast du’s?", raunzt Nino seinem Kumpel Daniel zu. Wer mit den beiden Straßenfotografen auf Fotopirsch geht, merkt schnell: Das nächste gute Bild ist stets nur ein paar Schritte entfernt – solang man flott genug den Auslöser drückt.

In Hamburg ziehen zig solcher Stadtflaneure mit ihren Kameras durch Straßen, Bahnhöfe und Siedlungen und versuchen den besonderen Charakter der Hansestadt und ihrer Bewohner einzufangen. Bekannte Hamburger Straßenfotografen wie Adde Adesokan oder Siegfried Hansen dokumentieren alltägliche Skurrilitäten genauso wie das Schattenspiel zwischen den Gebäuden in der Hafencity oder die Gesichter unbekannter Passanten im Schanzenviertel. Straßenfotografie, oder im englischen Fachjargon "Street Photography", entstand im turbulenten Paris der 1920er Jahre und erreichte in den 1930ern ihre Blütezeit. Heute erlebt das Genre, das irgendwo zwischen Milieufotografie und Schnappschuss einzuordnen ist, einen erneuten Aufschwung – durch immer kleinere Kameras und kostenlose Publikationsmöglichkeiten im Internet.  

Ausstellung unter der S-Bahn-Brücke

Auch Nino und Daniel veröffentlichen ihre Fotos online in ihrem Blog "Soul of Hamburg". Jeden Tag laden sie ein Bild hoch – um dieses Pensum zu erfüllen, haben sie die Kamera stets dabei, ob beim Feiern oder beim Einkaufen. Nino und Daniel dokumentieren die Verrücktheiten von Arm und Reich und das soziale Ungleichgewicht in der Hansestadt. Die beiden Fotokünstler wollen anonym bleiben, ihre vollen Namen verraten sie nicht. "Wir wollen hinter unsere Fotos treten und die Bilder sprechen lassen", erklärt Nino. Mit ihrem zeitintensiven Hobby verdienen die beiden kein Geld – das gehört ebenso zu ihrer kapitalismuskritischen Philosophie. "Bei unseren Ausstellungs-Eröffnungen gibt es keinen Prosecco, aber freien Eintritt", sagt Daniel grinsend. Denn ihre Kunst soll sich jeder leisten können. Die letzte Ausstellung von "Soul of Hamburg" war deshalb auch eine Guerilla-Aktion: Unter verschiedenen S-Bahn-Brücken in Hamburg hingen Ausdrucke ihrer Bilder, die sich Spaziergänger einfach mit nach Hause nehmen konnten.