Für alle Digital Natives und sonstwie später Geborenen: Es gab da mal einen Sender namens MTV, der hat das Fernsehen mit Musikvideos revolutioniert, lange bevor es das Internet gab. Sein berühmtester Moderator hieß Ray Cokes, dessen Sendung "Most Wanted" von jedem Teenager, der was auf sich hielt, vergöttert wurde. Jetzt hat der englische Ex-VJ seine Autobiografie geschrieben – und spricht dort über seine Karriere, wo sie 1996 mit einem Wutanfall endete und 13 Jahre später wieder in die Spur geriet. Auf der Reeperbahn.

ZEIT ONLINE: Ray Cokes, so ein Interview am Rande der Reeperbahn, mit Blick auf den Spielbudenplatz – das ist schon ein besonderer Ort für Sie oder?

Ray Cokes: Absolut, einer der besondersten sogar. Genau hier wurde mein altes Leben, wie es war, beendet. Hier hat aber auch ein neues begonnen. Letztlich hatte ich auf der Reeperbahn mein Happyend, und wissen Sie was? Ich liebe Happyends. Deswegen bin ich trotz allem glücklich, wie alles gelaufen ist.

ZEIT ONLINE: Was genau ist hier denn passiert?

Cokes: Als ich hier 1996 auf der Bühne stand und die Toten Hosen nicht wie angekündigt kamen, sondern nur auf der Leinwand zu sehen waren, hab ich mich wie ein Hooligan verhalten. Die Leute waren aufgebracht und ich hatte zu viel Angst vor ihnen, um kontrolliert zu reagieren. Das war das Ende meiner Karriere bei MTV. Aber vor fünf Jahren habe ich exakt an der gleichen Stelle die Chance gekriegt, wieder auf einer deutschen Bühne zu sein.

ZEIT ONLINE: Als Moderator auf dem Reeperbahn-Festival.

Cokes: Genau. Deutschland ist im Musikgeschäft ein ungemein wichtiger Ort und ganz besonders eine Stadt wie Hamburg.

ZEIT ONLINE: Klingt nach dem Stoff eines klassischen Dramas.

Cokes: Deshalb habe ich auch meine Memoiren so aufgebaut, ein ungeheuer befreiendes Stück in drei Akten. Im ersten steigt der Protagonist auf, im zweiten fällt er tief, im dritten rappelt er sich hoch. Die Reeperbahn stand da am Ende des ersten und am Beginn des zweiten Aktes. Denn so tief ich daraufhin gefallen bin – nach einer Zeit der Verwundung habe ich hier neues Selbstvertrauen gefunden. Ein bisschen wie Hollywood.

ZEIT ONLINE: Oder Shakespeare.

Cokes: (lacht) So weit würde ich nicht gehen, aber am gleichen Ort unterzugehen und aus der Asche wieder aufzuerstehen – das ist doch absolut filmreif. Vielleicht hätte ich dieses Buch auch ohne die Reeperbahn irgendwann geschrieben, aber dann wäre es bloß eines über MTV Most Wanted gewesen, einen spannenden Musiksender und mich mittendrin. So wurde es die Erzählung meines Lebens, fast wie eine Therapie.

ZEIT ONLINE: In der Sie sogar über so intime Dinge wie Ihre Depression sprechen.

Cokes: Und dann auch noch vor Wildfremden! Menschen, die eine völlig andere Wahrnehmung von mir haben. Wissen Sie, es kann mir passieren, dass ich mal irgendwo auf einer Party den DJ spiele und jemand sagt: Man, du bist doch Ray Cokes. Ich verkaufe Villen auf Ibiza, die hier kostet fünf Millionen, und weil ich es liebe, was du getan hast, geb ich sie dir für zwei. Wenn ich ihm dann sage, dass ich kaum 2.000 habe, lautet die Antwort: Ach komm, zehn Jahre MTV – du musst doch Multimillionär sein! Mein öffentliches Bild passt nicht immer zur Realität.