Der Schmerz des Opfers, lehrt uns die Küchenpsychologie, vergeht erst dann so richtig, wenn der Täter ein Gesicht hat, einen Namen. Als ich ihn erfuhr, da währte mein Schmerz schon 29 Jahre. Gut, in dieser langen Zeit drückte er mir zwar nicht ständig aufs Gemüt, eigentlich sogar nur dann, wenn ich seine Ursache sah. Das tat ich in letzter Zeit allerdings häufiger, seit mein Büro in Wurfweite des Delphi liegt, das mal Off-Line hieß und davor: Trinity.

DAS TRINITY, um seiner Größe Ausdruck zu verleihen in Großbuchstaben geschrieben, diese Großbuchstabengroßraumdisko also war Mitte der 1980er so was wie meine Nemesis, die noch Mitte der 2010er dringend der Katharsis bedurfte. Ich war damals 16, meine Hose war zeitgenössisch karottenförmig, das Polohemd mit Krokodil, die Föhnwelle wie Beton – oberflächlich schien der Weg frei für ein feuchtfröhliches Wochenende in Hamburgs, ach: der Welt wichtigstem Club. Und das in einer Zeit, als dieses Wort für viele noch mehr mit Fußball als mit Party zu tun hatte.

Doch dann saß da dieser Mann am Eingang, kein Berg von einem, zugegeben. Aber mit derart überschüssiger Arroganz versehen, dass seine Worte klangen wie das Urteil vom Jüngsten Gericht: "Und ab, Bürschlein!"

Gesprochen hat sie, Boulevardfans aufgepasst: Michael Ammer. Stadtweit berüchtigter Türsteher einst, bundesweit belächelter Partykönig später, heute weitgehend unbekannt. Aber damals eben der Mann, der nicht mal meinen Ausweis sehen wollte, um zu wissen: Du nicht. Michael Ammer, das ist der Name, mit dem ich heute meinen Schmerz verbinde. Er ließ mich nicht ins Trinity. Und das im Kreis meiner Clique, die einer nach der anderen 20 Mark ins pechschwarze Kabuff reichte und eintreten durfte ins Allerheiligste hanseatischer Tanzkultur jener Tage. Ich aber war: zu jung. Zu klein. Zu uncool. Vor allem für diesen Laden.

Es war ja nicht irgendeiner, sondern der Versuch, den Hamburger Minderwertigkeitskomplex ein bisschen zu lindern. Ende der Siebziger war das. Schlaghosenzeit, Rockerzeit, Oberlippenbärtezeit. Aber eben auch die des funkelnden Dancefloors. Auf dem wurde auch hierzulande gefeiert, allerdings eher in München oder Berlin, wo Freddy und David Nächte zu Tagen machten. Aber Hamburg? War Glamourmangelgebiet.

Disco-Leben in den späten Siebzigern, hier im Studio 54 (ca. 1979), dem großen Trinity-Vorbild © Vernon Merritt III/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Bis eine deutsch-amerikanische Investmentgesellschaft die robuste Rock’n’Roll-Stadt gediegen zum Glitzern brachte: mit der Kopie des Partygomorrhas Studio 54, dem großen New Yorker Club. Für drei Millionen Mark motzte sie das alte Eimsbütteler Kino auf, mit der fettesten Lichtanlage weit und breit, 1.000 Lampen stark, mit 300 Metern Neonröhren und einem Sound, der selbst das Original in den Schatten stellen sollte. Nach Weihnachten 1978 öffnete die Disco mit importierten Showtänzern aus Manhattan, der eingeflogenen DJ-Ikone Sharon Lee, viel Prominenz und 1.800 geladenen Gästen das Tor. An der Eimsbütteler Chaussee, wo sich bereits in den zwanziger Jahren eine Flaniermeile befand, mit dem edlen Kursaal im Herzen, der nach einem Intermezzo als Kino 1961 zum Kaisersaal wurde und nun also Trinity hieß.

Trinity wie Dreifaltigkeit.

Die gottlose Achse aus Party, Promis und Drogen. Erstere klappte anfangs blendend, geriet allerdings zusehends in Verruf, da Letzteres so Überhand nahm, dass dem Mittelbau des Dreiecks die Aura zu schmuddelig wurde und der Pöbel unter der VIP-Empore ein wenig profan. Bis dahin aber hagelte es Anekdoten, ausgeweidet in der Klatschpresse: Grace Jones, die nackt auf einem Schimmel einritt. Madonna, deren Schampus-Konsum selbst von benachbarten Bars kaum zu stillen war. Ein Geschäftsführer, der sich nach Bangkok absetzte. Und dann all die Erzählungen von der härtesten Tür überhaupt. Eine Tür, an der auch ich regelmäßig abbog wie ein Bumerang.