Erinnerungen an Orte des wilden Feierns und wehen Erwachens, der knietiefen Abstürze und schmerzhaften Auferstehung sind häufig nicht nur zigarettenrauch- bis bierdunstgetrübt. Sie verfliegen förmlich im Nebel nostalgischer Rückbesinnung auf durchzechte Nächte, die vielleicht besser waren, aber eben auch krasser, extremer, manchmal richtig böse.

Wie zerbombte Kirchtürme ragen sie dann aus den Trümmerlandschaften persönlicher Geschichtsschreibungen hervor. Oder ekliger ausgedrückt, eklig wie, sagen wir, die Klos im Heinz Karmers: wie braune Zahnstümpfe aus einem ungepflegten Gebiss.

Es befand sich ringsherum, damals, vor auch schon wieder mehr als 20 Jahren: der Kiez, Mitte der Neunziger noch immer reichlich ungewaschen, roh, von Luden dominiert und waffenverbotsschilderfrei, weil das ohnehin kaum exekutierbar gewesen wäre. Gegenüber lag wie heute das Millerntorstadion, nur war es noch eine bessere Bretterbude, in der glaubhaft "Nazis raus!" gebrüllt wurde, die dann wirklich auch raus sind, Richtung Reeperbahn, um sich mit Autonomen oder der Polizei zu hauen. 

Und dazwischen, an der Budapester Straße, noch ungewaschener, noch roher, aber luden- wie verbotsschildfrei: das Heinz Karmers. Bis 1994 eine "Asso-wir-saufen-uns-tot-Kneipe", wie Mitbetreiber Oliver Hörr mal erzählte. Er machte aus der alten Domschänke für die darauffolgenden drei Jahre einen "Asso-wir-saufen-uns-tot-haben-dabei-aber-mehr-Spaß-Club". Es blieb versifft. Gezielt, raunte man sich zu, mit aufgemalten Schimmelflecken und Bierflaschenabräumverbot, um dem pillenbunten Folgejahrzehnt der aseptischen Achtziger etwas entgegenzusetzen.

Winziger Tresen mit elegant überforderten Barkräften

Es ist nicht so leicht, Erinnerungen an diesen alten Ort des wilden Feierns und wehen Erwachens wachzurufen, die über den optischen Zustand des Ladens substanziell hinausreichen. Viele kamen schon vorgeglüht an, verharrten in der Menschentraube vorm bröckelnden Flachbau mit den blickdichten Fenstern. Und oft mieden sie den Weg vorbei an den Herumstehenden zum winzigen Tresen. Hinter ihm standen überforderte Barkräfte, die das Wort Service fürs Porzellanset in der elterlichen Vitrine vorbehielten. Sie bedienten grundsätzlich niemanden, der ihnen am nächsten stand, lieber ließen sie irgendwem im hintersten Eck mit lautstarken Kommandos das Astra zureichen. Das war zwar kommunikativ und abenteuerlich, aber schrecklich ungerecht.

Auch deshalb blieb ich gern vor der Tür statt dahinter. Ich hab den Trainingsjackenreißverschluss überm Hoodie, der seinerzeit noch Kapuzenpulli hieß, hochgezogen und bin allenfalls im Winter oder nach verregneten Heimspielen des benachbarten Fußballclubs reingegangen. Wobei auch dann der Weg das Ziel war. Hamburgs härteste Tür war damals wohl jene des Top Ten in Blickweite, den härtesten Gang in die Kneipe hinein hatte jedoch das Heinz Karmers. Der Gang war gewissermaßen Türsteher, Tür, Zu- und Rückweg in Personalunion. Durch ihn kam man kaum durch, er war immer voll. Womöglich lud er gerade deshalb stets ein Drittel der Gäste zum Verweilen ein.

Immerhin entging man in der dortigen Kakophonie aus Stimmengewirr, Durchzug und Toilettenspülung dem paradoxen Klangsalat des einzigen Raumes. An guten Tagen stammte der heillos übersteuerte Live-Sound von heillos untrainierten Bands wie Boy Division, die sich angeblich hier gegründet hatten. An weniger guten Tagen wurden Shanties und Surf-Trash-Punk mit Schlagern kompiliert, an schlechten alles zugleich übereinander gelegt, weil wieder mal wer mit ausgeleierten Musikkassetten auflegte. Umso bemerkenswerter, dass die Legende am Übergang von der Kneipen- zur Clubkultur zum Fluchtpunkt wurde. Ein Heimatsurrogat. Zuhause.

Denn ob es die konsequente Regellosigkeit war, der kunstvolle Dreck, das kollektive Koma: Hier herrschte noch (un)gepflegtes Miteinander des Inseldaseins an einer dicht befahrenen Monsterkreuzung, die schon damals bis aufs Heinz Karmers tot war und nun eben mausetot ist.