Was in einer Hansestadt von Gewicht ist, hängt selten mit Gramm und Kilo zusammen. Gut, in München oder Köln, den Epizentren rheinisch-fröhlicher bis hedonistisch-bayerischer Selbstgerechtigkeitsbeben bringt man gern mal mehr auf die Waage, um oben mitzuspielen. Millowitsch? Zwei Zentner. Strauß? Locker drei. Karneval? Vier Promille. Bierzelt? Schon mal fünf. In Hamburg hingegen gibt man sich eher asketisch als allzu physisch präsent. Quinn, Lindenberg, Albers und erst die Honoratioren Schmidt, Voscherau, Dohnanyi: alles eher Heringe im Wellenbad der Weltstadt.

Bisher herrscht hier Understatement, Effizienzethik, Demut – und dann das: Fünf Pfund Hochglanzpapier, verteilt auf 384 Seiten mit noch mehr Bildern, knallrot wie die Mao-Bibel, wuchtig wie eine von Gutenberg: Tocotronic, kulturell das wichtigste Schwergewicht der Region seit Johannes Brahms, feiern 20 Jahre Debütalbum. Und sie tun es mit einem Bildband im Coffee-Table-Format. Fett!

Fett?

Kein Attribut könnte das Trainingsjackengeschwader der systemkritischen Poplinken unzutreffender beschreiben als dieses. Fett, das waren im Musikbiz andere, die Athleten, die Househopser – physisch, psychisch, dramaturgisch. Fett war Rave, der damals die Rückkehr des Rock zur Disco bezeichnet hatte, dann die Aneinanderreihung von Monstertrucks zu Liebesparaden. Fett waren Eurodance und Hair Metal, Big Beat und MTViva. Fett war überhaupt die ganze entpolitisiert feiernde Jugend jener Tage, als deren Antithese Tocotronic Anfang der Neunziger angetreten ist.

Schon rein körperlich war das Trio spindeldürr und linkisch. Und trotzdem ist es ganz sicher fünf Kilogramm bebildertes Papier wert. Die Tocotronic Chroniken, so heißt das Werk, das laut Autor Jens Balzer weniger Biografie und mehr Montage ist. Eine Installation dreier Leichtmatrosen in Motto-Shirts, die dank großer Beharrlichkeit und zeitloser Originalität längst auf der Kommandobrücke des deutschen Diskursrocks stehen. Sie sind von der "Mithüpfband zur Zuhörband" gereift, wie ein Kritiker schrieb. Sie sind zwar irgendwie exaltiert, aber dabei sonderbar unterschwellig, so profan wie politisch, alltagslyrisch und philosophisch. 

Selbst die FAZ wollte Teil dieser Jugendbewegung sein

Wer Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank in den Neunzigern erlebt hat, muss sich wundern, wie dort hingekommen sind, wo sie nun sind. Ende 1993 etwa, als sie es in der Roten Flora wagten, zu kreischenden Rockriffs von der Freundin (und ihrem Freund) zu singen statt von der Revolution (und wie man die hinkriegt). Auf Deutsch! In bunter Kleidung! Eher beschleunigter Powerpop als ortsüblicher Hardcore! Die anwesenden Autonomen im dampfenden Keller wirkten spürbar irritiert – und repräsentierten damit eine Haltung, die der Band aus dem Eimsbütteler Bunker bis heute manchmal entgegenschlägt.

Aber selbst wenn Tocotronic auch zu viert (ergänzt durch Rick McPhail) nicht wesentlich an Gewicht zugelegt haben: Seit ihrem unausgereiften Debüt Digital ist besser hat fast jedes Album etwas Bleibendes in der popkulturellen Ikonografie hinterlassen. Ihr dadaistisches Songwriting ersann so viele Bonmots, dass selbst Feinde wie die FAZ Teil dieser Jugendbewegung sein wollten. Ihre Ästhetik füllt die Kleiderschränke einer ganzen Generation Großstadtslacker. Ihr androgyner Habitus ist bis heute stilbildend. Und auch  Das rote Album, die gerade erschienene Platte Nummer elf, setzt musikalisch Maßstäbe.