Senf und Zeit sind zwei grundverschiedene Ressourcen, die man allerdings gleichermaßen mit Vorsicht dosieren sollte. Wird beides über die Maßen vergeudet, geht es schließlich entweder zulasten des Geschmacks oder der Lebensqualität. Nun sind natürlich andere Substanzen weit mehr von globaler Verknappung betroffen als Senf und Zeit. Süßwasser zum Beispiel, seltene Erden oder auch Kabeljau. Trotzdem ist es bedenklich, wenn die beiden Rohstoffe aus vollen Rohren verschossen werden, wie damals, vor fast genau zehn Jahren, in der Weltbühne.

Und das kam so.

An einem Tag im Frühjahr, vermutlich fast Wochenende, hatte Tino Hanekamps und Alvaro Piñas pittoreskes Clubwunder am Nobistor die Band Jeans Team auf dem Programm. Heiterer Elektropop aus Berlin mit Hang zum digitalen Aberwitz, aufmerksamkeitsökonomisch eher nebensächlich, aber allemal einen schönen Tanzabend wert. Wenn sie denn kommen.

Doch sie kamen nicht. Und kamen nicht. Und kamen nicht. Nicht um elf, wie an der verwüsteten Stahltür parterre plakatiert. Nicht um zwölf, wie von Angestellten bald in Aussicht gestellt. Auch nicht um eins, als ich im Kreise ebenso genervter Freunde die Faxen dicke hatte und die funktionsuntüchtige Rolltreppe abwärts am Phonodrome vorbei Richtung Kiez verschwand, Aufnimmerwiedersehensflüche im Hals. So nicht! Nicht so!

Natürlich kamen wir der legendären Weltbühnen-Zeitverschwendung zum Trotz alle wieder, und nicht nur einmal, sondern ständig. Der anarchistische Wohnzimmerclub mit Holstenstraßenblick war Anfang der 2000er schließlich das Beste, was Hamburgs alternative Partykultur zu bieten hatte. In dem verlassenen Bekleidungskaufhaus, in dem zuvor Kinder stilunsicherer Eltern mit Hosen der Marke Palomino gemartert wurden, pulsierte der Sound jener Tage ja am heftigsten.

Ganz unten das Phonodrome, damals derbster Technoclub in zentraler Lage, den sein Gründer, die örtliche Powerhouse-Größe Wolf von Waldenfels, 2002 aus einer alten Autowerkstatt am Zirkusweg ins vormalige Unit am Westende der Reeperbahn verlegt hatte. Er bot fortan 202 Beats pro Minute und mehr für dauergestromte Teenager-Synapsen. Die jungen Besucher, oft aufgereiht zu Hunderten, blickten die Bomberjackentürsteher so abgebrüht erwachsen an, dass die wenigen Gäste über 25 für derlei schauspielerisches Geschick zuweilen Applaus auf offener Straße spendeten.

Im Seiteneingang ging es ins Click, eher gediegen als stampfend, Ambient, Deephouse, Runterkommzeugs. Darüber lag die Echochamber, ein Backsteinverschlag mit ebenerdiger Bühne für alles, was analog Asyl erbat in diesem digitalen Eldorado der Hansestadt. Und Wand an Wand, mit freiem Blick durch mächtige Fenster zur Holstenstraße: die Weltbühne, knallroter Irrsinn im WG-Format.

Womit wir beim Senf wären.