Gardé: Bevor wir den Sender gegründet haben, waren wir auch schon mit unserem YouTube-Channel am Start. Da haben wir uns einfach ein bisschen ausgetobt. Wir hatten so viele kreative Leute und Ideen, dass das gar nicht alles in eine Folge Game One gepasst hätte. Und wir hatten schon immer die Vision, einen Sender für Nerds zu gründen, für all den Kram, den man im Fernsehen nicht bekommt.   

Heinisch: Das Ende von Game One kam ja eher schleichend. Und als im Dezember vergangenen Jahres tatsächlich der Stecker gezogen wurde, traf uns das zum Glück nicht unvorbereitet. Eigentlich hätten wir die komplette Belegschaft entlassen müssen, weil durch das Aus von Game One unser Hauptauftraggeber weggebrochen ist. Wir haben uns dann aber dafür entschieden, es mit einem eigenen Sender zu versuchen. Am 15. Januar sind wir mit Rocketbeans TV auf Sendung gegangen. Und jetzt sind wir immer noch hier und haben gerade erst zehn neue Mitarbeiter angestellt.   

ZEIT ONLINE: Welche Erfolgschancen habt ihr euch ausgerechnet, als ihr auf Sendung gegangen seid?  

Gardé: Wir hatten uns zunächst drei Monate Zeit gegeben. Dann haben wir gemeinsam mit unserem Mann für die Finanzen überlegt, wie lange wir den Stab an Mitarbeitern halten können. Und dann haben wir verschiedene Szenarien entworfen und durchgespielt. Bei keinerlei Einnahmen, wäre die Firma nach drei Monaten am Ende gewesen.  

ZEIT ONLINE: Jetzt haben wir Juli und ihr seid immer noch da. Was sind eure Einnahmequellen? 

Gardé: Anfangs lief sehr viel über Crowdfunding. Wir haben deutlich gemacht, dass es uns nicht lange geben wird, wenn niemand etwas zahlt. Wir haben zu den Leuten gesagt: Ihr gebt Geld für Entertainment aus wie Zeitschriften oder Musik, aber aus irgendeinem Grund ist es verpönt, für das, was wir machen, Geld zu nehmen. Das ist für uns wirtschaftlich jedoch nicht machbar, denn wir machen auch Entertainment. Diese Offenheit wurde von vielen Menschen gut angenommen. Viele beschweren sich ja immer über die Rundfunkgebühren, weil sie mit dem Programm der Öffentlich-Rechtlichen nichts anfangen können. Bei uns können die Zuschauer das Programm aktiv mitgestalten und dafür sorgen, dass das, was ihnen gefällt, auch nicht abgesetzt wird. 

ZEIT ONLINE: Wie?  

Gardé: Zum Beispiel über unser Reddit-Forum, wo wir viel Feedback von unserer Community bekommen. Und die sehen auch, dass wir die Kritik, die sehr konstruktiv ist, ernst nehmen. Wir treten mit denen in einen Diskurs ein, machen Frage-Antwort-Formate, wo wir sehr viel erklären. Wir versuchen, unsere Arbeit so transparent wie möglich zu machen.  

Heinisch: Das stärkt die Bindung zu unseren Zuschauern.   

Gardé: Wir haben eine sehr treue und sehr loyale Anhängerschaft, die sich zu 1.000 Prozent mit dem identifiziert, was wir hier machen. Das ist wirklich etwas Besonderes. Es ist mehr wert, eine kleine, aber dafür sehr aktive Fanbase zu haben, als zehn Millionen Abonnenten, von denen die Hälfte tote Masse ist.  

ZEIT ONLINE: Die Zuschauer allein reichen als Einnahmequelle aber nicht aus, um langfristig erfolgreich zu sein. 

Heinisch: Wir haben seit Januar eine eigene Sales-Abteilung, die inzwischen aus drei Mitarbeitern besteht. Dazu senden wir Werbung auf Twitch. Dann gibt es noch sogenannte Subscriber, die auf freiwilliger Basis fünf Dollar im Monat bezahlen und dafür ein paar zusätzliche Features bekommen. Das Entscheidende ist aber die eigene Vermarktung: Branded Content, Branded Entertainment, Sponsor-Deals, Product-Placement, Merchandise, etc. Das funktioniert momentan sehr gut. Wir müssen hier aber natürlich darauf achten, dass wir uns nicht komplett verkaufen. Das würden die Zuschauer nicht mitmachen.  

Gardé: Wir pochen bei allem, was wir machen, auf die redaktionelle Hoheit. Wir würden niemals sagen, dass etwas gut ist, wenn wir es nicht tatsächlich gut finden. Und wenn das jemand verlangt, kann er eben nicht mit uns zusammenarbeiten. Unsere Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut. Wenn wir das veräußern würden, hätten wir nichts mehr.  

Bei Rocketbeans TV in Hamburg © Aimen Abdulaziz-Said

ZEIT ONLINE: Was sind die größten Unterschiede im Vergleich zu eurer Zeit beim Fernsehen? 

Gardé: Die Arbeitsabläufe und das Budget. Beim Fernsehen haben wir eine 25-minütige Sendung gemacht. Da gab es eine Redaktionskonferenz, in der überlegt wurde, was wir bringen und wer was macht. Dann sind wir auseinandergegangen und jeder hat an seinem Beitrag gearbeitet und am Ende wurde alles zu einer Sendung zusammengeschraubt. Jetzt machen wir rund um die Uhr Programm. Bei uns sitzt jetzt auch nicht überall ausgebildetes Fachpersonal. Da kann es schon mal sein, dass die Redakteurin zur Kamerafrau oder Regisseurin wird. Das liegt in erster Linie daran, dass wir mit einem viel kleinerem Budget arbeiten als früher beim Fernsehen.