ZEIT ONLINE: Herr Smith, Sie sind 1945 kurz nach Kriegsende als britischer Soldat nach Hamburg gekommen und haben dort ihre deutsche Ehefrau kennengelernt. Wo sind Sie ihr erstmals begegnet?

Harry Leslie Smith: Eines Tages im August lief ich über den Schwarzmarkt von Fuhlsbüttel. Ich beobachtete, wie die Menschen ihre persönlichen Sachen tauschten: Tafelsilber gegen Zigaretten und Kaffee, das war die einzige Währung damals. Dort sah ich Friede zum ersten Mal. Mir war gleich klar: Ich muss dieses Mädchen kennenlernen. Also lief ich ihr hinterher und fragte, ob ich ihre Einkaufstüten tragen dürfe, so machte man das damals. Und ich durfte. Diese Begegnung auf der Langenhorner Chaussee hat mein Leben verändert.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Smith: Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich so etwas wie eine Zukunft für mich. Sie müssen wissen, dass meine Aussichten in England ziemlich düster waren. In meiner Heimat gab es nichts außer Arbeitslosigkeit und Not. Krankenversorgung, Schulbesuch – das alles war nur etwas für die wohlhabenden Schichten. Ich dagegen stammte aus der Arbeiterklasse, mit sieben Jahren hatte man mich aus der Schule genommen, damit ich Geld verdiente. Doch Friede gab mir Hoffnung, dass ich mehr erreichen könnte. Nun ist es 15 Jahre her, dass ich sie verloren habe. Sie starb 1999 an Krebs. Ein schrecklicher Verlust für mich.

ZEIT ONLINE: Sie trafen sich 1945, bis zu Ihrer Hochzeit vergingen zwei weitere Jahre.

Smith: Für mich war schnell klar, dass Friede meine große Liebe ist und wir heiraten wollten. Doch bis zum Juli 1947 war es verboten, Staatsangehörige eines ehemaligen Feindes zu heiraten. Als die Regierung das Verbot aufhob, musste Friede medizinische Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen, um die Genehmigung zu bekommen. Das alles dauerte mehrere Monate. Es war demütigend. Man prüfte beispielsweise, ob sie schwanger war oder verhörte sie zu ihren politischen Ansichten. Ich bin ihr bis heute dankbar, dass sie mich genug liebte, um das mitzumachen.

ZEIT ONLINE: Sie haben jetzt ein Buch über Ihre Jahre in Hamburg geschrieben. Was hat sie dazu bewegt?

Harry Leslie Smith heute © Icon Books

Smith: Als ich 1987 in Rente ging, begann ich, meine Memoiren aufzuschreiben. Ich wollte verhindern, dass die Erinnerungen unserer Generation verloren gingen, denn meine Freunde verstarben nach und nach. Also schrieb ich. Ich stamme aus Yorkshire und bin dort in großer Armut aufgewachsen. Bis 1945 war das Leben nur für wenige Menschen in England gut, daran will ich erinnern. Doch die Jahre in Hamburg haben mich auf viel persönlichere Weise beeinflusst – auch das wollte ich festhalten.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie Hamburg damals erlebt?

Smith: Hamburg war eine zerstörte Stadt. Zahlreiche Gebäude waren völlig zerbombt worden, die Menschen litten Hunger. So ein Elend hatte ich noch nicht gesehen. Ihren Stolz hatten die Hamburger jedoch nicht verloren, das beeindruckte mich. Sie strahlten Würde aus, als wollten sie sagen: "Wir werden das überstehen, wir werden diese Not überwinden." Auch Friede hungerte, wegen des Vitaminmangels hatte sich ihre Haut schon entzündet.