Die Achtziger, ein diffuses Jahrzehnt. Viel ambivalenter jedenfalls, als es Revivalpartys gemeinhin suggerieren. Die Achtziger, das war eine Ära der distanzierten Wave-Disco und des biederen Emailleschilderwald-Ambientes. Neonlichtdurchzuckte Einzeltanzfabriken koexistierten vergleichsweise harmonisch neben heillos überfrachteten Schankstuben in Gelsenkirchener Barock. Es gab die ersten Technokeller, die letzten Rockschuppen, die lässigen Discos am Übergang. Es gab Läden für Goths oder Popper, Hippies und Punker, Soul-Kids oder Rocker. Und es gab das Posemuckel.

Falls es das wirklich gab.

Mit dem Posemuckel verhielt es sich nämlich wie mit dem westfälischen Festland-Atlantis Bielefeld: Über die Existenz des Kneipendorfes am Binnenalsterfleet konnte letztlich nur gemutmaßt werden. Kaum jemand wollte schließlich je dort gewesen sein. Im Posemuckel waren allenfalls Freunde von Freunden entfernter Bekannter, und selbst die leugneten es. Was den Zweifel daran nährte, dass sich unter Hamburgs teuerster Konsumzone etwas anderes als gut gefüllte Warenlager umliegender Edelboutiquen befände.

Posemuckel, das war die Antithese zu einer nach Einbruch der Dunkelheit menschenleeren Innenstadt. Aber sie wurde ausgerechnet nach einem polnischen Dorf benannt, das hierzulande zum Synonym für Pampa wie Kleinkleckersdorf oder JottWeDe geriet: Podmokle Małe, zu deutsch: Klein Posemuckel.

Eine unterirdische Gaststättenlandschaft

Doch um jedweder Verschwörungstheorie das Brackwasser abzugraben: So wie es das 458-Seelen-Nest nahe der alten DDR-Grenze gibt, gab es auch den hanseatischen Kneipenkomplex in Rathausnähe. Er exisitierte von 1980 bis 1992 und war gigantisch, weiträumig, verwinkelt, ein dunkles, viel bevölkertes Tunnelsystem. Die unterirdische Gaststättenlandschaft, deren Vorkommen so gern dementiert wurde, war besonders am Wochenende derart brechend voll, dass die Menschentraube davor selbst im Winter, der seinen Namen damals noch wirklich verdient hatte, bis weit über die angrenzende Bleichenbrücke hing.

Und ich weiß, wovon ich rede, auch ich begehrte einst Einlass in Hamburgs damals meistgehasste und zugleich meistgeliebte Partylocation. In einem Jahrzehnt, das zusehends unangenehm wurde: selbstgefällig, schlageresk, überfönt, die Rick-Astley-Achtziger halt. Doch wie jeder Bundfaltenhosenträger wurde auch ich irgendwann, es muss etwa 1987 gewesen sein, vom Lord Voldemort der erwachenden Eventkultur angesaugt. Einmal mit eigenen Augen sehen, was alle Welt so hassliebt. Gut, detailliertere Erinnerungen hat mein halbwissenschaftlicher Eigenversuch nicht ins Langzeitgedächtnis kodiert. Aber ein bisschen ist dennoch hängengeblieben.

Die Unübersichtlichkeit vor allem, das unfassliche Durcheinander, ein Chaos aus 13 vorwiegend bürgerlichen Bierschenken mit Discocharakter. Es verteilte sich auf das tiefgaragengroße Untergeschoss vom "Kaufmannshaus" genannten Altbau darüber. Zahllose Säulen hielten ihn auf Abstand. Um sie herum scharten sich Unmengen eher stinknormaler Leute. Ein bierseliger Hedonismus in einer Zeit, in der anderswo in der Stadt Ostermärsche und Hausbesetzungen stattfanden.

Innenarchitektonisch gestaltete sich das Posemuckel rings um den zentralen Bierbrunnen irgendwo zwischen Hafen-Pinte, Pupasch und Peepshow. Musikalisch wurde es mit den zeitgenössischen Mittelschichtscheußlichkeiten von Italo-Disco über Chart-Sülze bis Schweine-Rock und wiedererblühenden Schlagern beschallt. Dazu wurde auf mehreren Dancefloors weniger getanzt als bemüht rhythmisch gedrängelt, besser: gebaggert.

Unter dem Einfluss des Hitti Hitti genannten Longdrinks unbekannter Zusammensetzung (Jägermeister war wohl drin) galt das Posemuckel eingangs der Technoepoche als analoger Aufreißschuppen schlechthin. Ein eigener Kosmos, der nicht nur über eine eigene Währung namens Posemuckel-Taler verfügte, sondern auch über Straßennamen, Regierungsmitglieder, eine Zeitung. So weit der vernebelte Volksglaube.

In meinen Augen entzauberte sich das Posemuckel an einem einzigen Samstagabend. Mir wurde klar, was zur kollektiven Verleugnung seiner bloßen Existenz geführt hatte: Ins Posemuckel ging, wer fürs Madhouse zu gesittet daherkam, fürs Trinity zu schnauzbärtig, fürs Mojo zu banal, fürs Top Ten zu alt, fürs Café Keese zu jung und für die frische Konkurrenz von Tempelhof bis Subito zu konservativ.

In den Ecken fern des zentralen Ballermann-Pultes spielten die DJs zwischen den notorischen Mikro-Texten zwar schon mal Soul, als er noch nicht ausnahmslos auf Vinylsingles ohne Coverbedruck verabreicht wurde, doch das waren elaborierte Ausnahmen vom Abschleppservice Posemuckel. Letztlich bereicherte er die Partystadt um nicht mehr als einen fahlen Mythos, die Innenstadt sei auch nach Ladenschluss noch lebenswert.