ZEIT ONLINE: Herr Claussen, Sie könnten am Samstag einen afrikanischen Oscar in der Kategorie Drehbuch gewinnen. Haben Sie sich schon eine Dankesrede zurechtgelegt?

Maximilian Claussen: Ich habe was aufgeschrieben. Sollte ich tatsächlich gewinnen, werde ich das aber nicht selbst vortragen. Ich kann leider nicht nach Port Harcourt reisen und habe die Rede meinem Produzenten mit auf den Weg gegeben.

ZEIT ONLINE: Wie bitte? Der Film, für den Sie das Drehbuch geschrieben haben, ist für 13 afrikanische Oscars nominiert und Sie reisen nicht zur Gala nach Nigeria?

Claussen: Ich weiß, klingt verdammt blöd. Ich wollte im Garten meiner Eltern dazwischen gehen, als unsere vier Hunde gekämpft haben. Dabei hat mich einer von ihnen ins Bein gebissen. Ein Berner Sennenhund, eigentlich total lieb. Die Wunde sah auch erst nicht so schlimm aus, hat sich dann aber entzündet. Antibiotika und Malariamedizin, das will ich meinem Körper nicht zumuten.

ZEIT ONLINE: Sie haben ihre Eltern in Hamburg-Blankenese besucht, eigentlich leben Sie aber gerade in New York. Wie haben Sie es hingekriegt, mit 24 zu den African Movie Academy Awards eingeladen zu werden?

Claussen: So ganz verstehe ich das manchmal auch noch nicht. Angefangen hat die Geschichte in der internationalen Schule in Hamburg-Othmarschen. Da haben mein Bruder Leo Claussen und ich Nicholas Lory kennengelernt. Die beiden haben nach der Schulzeit eine Filmproduktionsfirma gegründet, erst mit Sitz in Berlin, später in London und New York. Eines Tages haben sie mich dann gefragt, ob ich ein Drehbuch für sie schreiben kann.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das denn vorher jemals gemacht?

Claussen: Nur ein bisschen rumprobiert. Ich habe in New York Philosophie und Anthropologie studiert, nebenher aber ein, zwei Drehbuchseminare besucht. Als sie mich gefragt haben, war gerade Examenszeit, da konnte ich ein bisschen Ablenkung gut gebrauchen.

ZEIT ONLINE: Das erklärt aber noch nicht, warum Ihr Film The Cursed Ones in Ghana gedreht wurde und die Geschichte eines Mädchens erzählt, das als Hexe verfolgt wird, weil sie angeblich Unheil über ein Dorf bringt.

Claussen: Auf das Thema ist Nicholas gekommen. Er hat gelesen, dass in afrikanischen Dörfern Kinder misshandelt und teilweise umgebracht werden, weil sie verflucht sein sollen. Er hat sich dann an Nana Obiri-Yeboah gewendet, einen ghanaischen Regisseur, den er aus London kennt. Der konnte ihm dazu viel erzählen. Anschließend bin ich mit eingestiegen.

"Immer stärker aus einer Empörung heraus geschrieben": Maximilian Claussen, 24, ist in Hamburg aufgewachsen und studiert in New York. © privat

ZEIT ONLINE: Und dann haben Sie sich einfach mal in die Bibliothek gesetzt, recherchiert und angefangen zu schreiben.

Claussen: Genau. Ich habe vorher aber immer wieder mit Nana geskypt. Er hat mir Bücher und Artikel zu dem Thema empfohlen. Und ich habe bei der UN, Unicef und UNHCR angerufen. Dass ich bei ihnen ständig weitergeleitet wurde, hat mir gezeigt, wie wenig über die Verfolgung von vermeintlichen Kinderhexen bekannt ist. Ich habe immer stärker aus einer Empörung heraus geschrieben.

ZEIT ONLINE: Ein junger Europäer, der in New York sitzt und aus einem afrikanischen Problem mal eben einen Spielfilm konstruiert – ist das nicht ganz schön anmaßend?