Was wagen mit Matthias Arfmann

Wie groß Matthias Arfmanns Pläne für seinen Auftritt auf dem Reeperbahnfestival sind, schlägt sich auch architektonisch nieder. Weil er sein Album Ballet Jeunesse mit einem Orchester eingespielt hat, will Arfmann es auch mit einem Orchester aufführen. Und damit das ins Schmidts Tivoli passt, muss die Bühnenfläche extra für diesen Abend vergrößert werden: von 30 auf 130 Quadratmeter.

Mit seiner Gruppe Kastrierte Philosophen spielte Arfmann in den achtziger und neuziger Jahren experimentellen Pop, später produzierte er legendäre Hip-Hop-Alben wie Bambule von den Beginnern. Jetzt remixte Arfmann für sein Album Ballet Jeunesse Musik aus Schwanensee, dem Nussknacker und anderen Ballettklassikern. Die weltbekannten Werke klingen bei Arfmann auf einmal nach Dub, nach Hip-Hop und nach Clubmusik. Klingt ambitioniert? Aber ja.

Live erstmals aufführen wird Matthias Arfmann sein Album mit einer Band (Schlagzeug, E-Bass, Sängerin), mit seiner Dub-Disco (bestehend aus Synthesizern und anderen Geräten) und eben mit einem Orchester, den Hamburger Symphonikern, dirigiert von Bernd Ruf. Vor den Proben klang Arfmann mit Blick auf die Klassikprofis etwas nervös. "Die werden ruckzuck durchschauen, dass ich keine Ahnung habe", sagte er. Ein einzigartiger Konzertabend dürfte es dennoch werden.

Oskar Piegsa

Termin: Mittwoch, 21.9., 21:30 Uhr, Schmidts Tivoli

Runterkommen mit Anna Ternheim

Mal Ruhe. Schultern runter, Augen zu, hören, einfach nur hören, Anna Ternheim zuhören, ihrer Gitarre, ihrer Stimme. Ternheim ist Schwedin. Und wenn irgendjemand es schafft, in Klänge zu verpacken, wie sich ihr Land anfühlt, dann sie.

Ihre Musik ist wie am See liegen, in den Himmel starren, Wolkenformationen erkennen – das ist doch ein Dackel? Nein, ne Eidechse! Nein, Dackel! – danach in den See springen und aufs Handtuch legen und sonnen und, ach ja, Mückenspray, verdammt, das brauch man auch. Obwohl: Mückenspray gibt es bei Anna Ternheim nicht. Nichts regt auf, nichts juckt. Nichts surrt. Es ist einfach nur herrlich. Herrlich erfrischend. Herrlich entspannt.

Kilian Trotier

Termin: Freitag, 23.9., 23:15 Uhr, Grosse Freiheit 36

Aufputschen mit Boy

Britische und finnische Forscher haben gerade herausgefunden, dass vor allem empathische Menschen melancholische Musik genießen. Sie löst bei ihnen nicht Frust oder Niedergeschlagenheit aus, sie beflügelt sie. Diese Empfehlung richtet sich daher ausdrücklich nur an sehr nette Festivalbesucher: Sie sollten auf keinen Fall das Konzert von Boy verpassen!

Das Pop-Duo aus Hamburg trat schon 2010 auf dem Reeperbahnfestival auf, damals allerdings noch in Angie's Nightclub. Nun, nach zwei sehr erfolgreichen Alben und ihrem Hit Little Numbers, kehren Valeska Steiner und Sonja Glass zurück und treten in dem Club auf, der als der stimmungsvollste des Festivals gilt: die St. Michaelis-Kirche. Zwei zarte, warme Stimmen unter einen riesigen Gewölbe, begleitet nur von einer akustischen Besetzung – das wird zum Heulen schön. Und danach mit Vollbrass auf den Kiez und bis zum nächsten Morgen tanzen.

Johan Dehoust

Freitag, 23.9., 23:15 Uhr, St. Michaelis-Kirche

Hinweis der Redaktion: Die ZEIT präsentiert das Konzert von Boy im Michel.

Cloud Rap, weiblicher Gangsterrap und Sufi-Gesänge

Tanzen mit Den Sorte Skole

Das Reeperbahnfestival – ein Event für Indie- und Elektrospießer? Ja, das mag ein wenig so sein. Überwiegend treten Singer/Songwriter oder Laptop-Knöpfchendreher auf, oder Acts, die eine Mischung aus beidem machen. Aber auch beim Reeperbahnfestival ist inzwischen angekommen, dass Musik des globalen Südens längst nicht mehr Folklore oder Weltmusik ist: Etwa wenn das französische Duo Acid Arab mit nordafrikanischen Musikern eine schwitzige Mischung aus knarzendem Acid House und maghrebinischer Musik spielt (Donnerstag im Molotow).

Man kann sich den Dokumentarfilm Inside the Mind of Favela Funk über Soundsystems in den Armenvierteln von Rio ansehen, oder Mali Blues über den Widerstand von Tuareg-Musikern gegen die Islamisten. Und wenn man alles auf einem Haufen haben will, geht man Samstagnacht in den Mojo Club zu dem famosen Produzententeam Den Sorte Skole aus Dänemark.

Die machen Musik, die ausschließlich aus gesampeltem Material besteht. Mit einer beneidenswerten Mischung aus Geduld und Inspiration frickeln Simon Dokkedal und Martin Højland persischen Psychedelic-Funk aus den Siebzigern, Sufi-Gesänge, Bollywood-Soundtracks, polnischen Freejazz und Krautrockgegniedel zu irrwitzig organischen und wuchtigen Tracks zusammen. Wie dieses Wunder geschieht, dürfte beim Liveauftritt der beiden völlig unnachvollziehbar sein – aber tanzbar ist es allemal.

Christoph Twickel

Freitag, 23.9., 00:00 Uhr, Mojo Club

Cool sein mit Juicy Gay

Wie geht Punk im Jahr 2016? So geht Punk im Jahr 2016: Die Trap-Beat-Dampfmaschine anschmeißen, Autotune hochdrehen, und drüber ein paar verspulte Wörter, na ja, rappen, stolpern, schlingern wie Juicy Gay: "Ich will kein Alman sein, nicht in diesem Land, nicht in diesem Land". Das ist Slimes berühmtes "Deutschland muss sterben, damit wir leben können", interpretiert für die Gegenwart.

Um Insubordination zu betreiben, brüllt man heute nicht mehr, sondern macht ermüdeten Verweigerungssprechgesang, Stichwort: Cloud Rap. Als Genre schon länger das aufregendste Ding im deutschsprachigen Pop, Juicy Gay hat daran einen entscheidenden Anteil. Und vermutlich ist dieses Korsett auch schon wieder zu eng für ihn. Auf keinen Fall sollte man ihn darauf reduzieren, Deutschlands angeblich erster offen schwuler Rapper zu sein. Er ist außerdem: Träger der coolsten Farbexplosionsoberhemden im Game, begnadeter Entertainer und Kool-Savas-Neuinterpret ("Kool Savas sagt, alle Rapper sind schwul / Und dabei bläst er mir einen in seinem Pool").

Ach ja, was man den Autotune-Künsterdilettanten aus der Cloud-Rap-Ecke anfangs auch nicht zugetraut hätte: Wie wahnsinnig, wild, aufregend das alles live ist. Auf den Circle Pit, der sich bei Juicy Gays Hit WKM$N$HG?! regelmäßig dreht, wären selbst die Punks von Slime stolz gewesen.

Lars Weisbrod

Termin: Samstag, 24.9., 20:20 Uhr, Mondoo

Hart drauf mit Haiyti aka Robbery

Hamburg ist wieder auf der Karte, raptechnisch gesehen. Gzuz hat es im Beginner-Song Ahnma verkündet. 187 Straßenbande, Nate 57 oder Milonair heißen die neuen (und nicht mehr ganz so neuen) Hip-Hop-Stars von der Elbe. Ihr Sound ist rau, die Texte kreisen um das Leben im Ghetto und den dort üblichen Verteilungskampf – eine überzeugende, über Jahre etablierte Rollenprosa. Gangsterposen, gemischt mit Sozialkritik.

Vollkommen überraschend hat sich in diesem Boys-Club eine Frau etabliert: die Rapperin Haiyti aka Robbery. Sie klingt nach einer jungen Nina Hagen, die sich mit Haftbefehl eingelassen hat und dabei noch ein paar Stilgesten von Hilde Knef und Falco borgt. Ihre Texte sind tieftraurig und höchst zornig, lyrisch wie sonst nur die Verse großer Dichter und schnoddrig wie der Sprech der Gossenkids auf dem Kiez. "Meine Brüder machen Sit-ups/Meine Träne glitzert" – mit nur zwei Zeilen kann Haiyti ein Milieu darstellen, eine Stimmung kreiieren, der Zeit den Puls fühlen.

Ein Muss für alle, denen das Blingbling- und Testosteron-Getue des Gangsta-Rap zu öde geworden ist, die aber auf eine harte Ansage nicht verzichten wollen.

Daniel Haas

Termin: Samstag, 24.9., 21:50 Uhr, Moondoo

In der am Donnerstag erscheinenden ZEIT Hamburg wird ein ausführliches Porträt der Rapperin Haiyti zu lesen sein. Erhältlich an Hamburger Kiosken oder digital unter www.zeit.de/zeithh