Domenica Niehoff war zeitweilig Deutschlands bekannteste Prostituierte. Die gebürtige Rheinländerin schaffte es, zu einem Liebling der Hamburger Society zu werden und setzte sich später als Streetworkerin für ihren Berufsstand ein. Sieben Jahre nach ihrem Tod – sie starb 2009 im Alter von 63 Jahren – präsentiert der NDR in seiner Dokumentation Domenica und die Suche nach Liebe jetzt bisher unbekanntes Material aus ihrem Leben. Zur Verfügung gestellt hat es der mit Domenica Niehoff befreundete Kiez-Chronist Günter Zint. Der 75-jährige Fotograf gründete unter anderem die Zeitschrift St. Pauli-Nachrichten, die zunächst eine linksalternative Tageszeitung war, und das St. Pauli Museum, das sich heute in der Davidstraße befindet.

ZEIT ONLINE: Herr Zint, Sie haben dem Regisseur Jobst Thomas für seinen NDR-Film Tagebuchaufzeichnungen von Domenica gegeben. Woher haben Sie die?

Günter Zint: Sie waren in acht Kartons, die ich nach Domenicas Tod aus ihrem Keller gerettet habe.

Günter Zint, 70, Fotograf und Kiez-Chronist © Günter Zint

ZEIT ONLINE: Was heißt "gerettet"? Wären die Dokumente sonst verloren gegangen?

Zint: Domenica sollte eigentlich eine Sozialbestattung bekommen und die Sachen wären auf dem Müll gelandet. Ich habe mich eingeschaltet und gesagt, dass das angesichts ihrer öffentlichen Bedeutung nicht passieren dürfe. Die Beamten haben mich dann als Nachlassverwalter eingesetzt. So konnte ich, unterstützt von zwei Rechtsanwälten, die Wohnung auflösen, ich konnte sogar noch ihre Schulden abbezahlen, weil wir vom Museum ein bisschen Schmuck von ihr verkauft haben. Dafür gab es später allerdings eine Klatsche vom Finanzamt: Ich hatte die Summen nicht bei der Steuer angegeben und musste nachzahlen.

ZEIT ONLINE: Domenica hat selbst also nicht bestimmt, was mit ihrem Nachlass passieren soll?

Zint: Sie hat sich über solche Sachen gar keine Gedanken gemacht. Sie hat bis zum Schluss nicht geglaubt, dass sie so schnell stirbt.

ZEIT ONLINE: Hat sie regelmäßig Tagebuch geführt?

Zint: Ja, vor allem hat sie alle Briefe aufbewahrt, die sie bekommen hat. In den Unterlagen findet sich auch Fanpost an den Hamburger Maler Horst Janssen, mit dem sie befreundet war. Er hat diese Briefe einfach an sie weiter gegeben, möglicherweise in der Hoffnung, dass sie sie für ihn beantwortet. Hat sie aber nicht.

ZEIT ONLINE: Sind denn unter den Dokumenten auch solche, die Sie nicht veröffentlichen wollen?

Zint: Eine Menge, ja. Es sind viele intime Briefe darunter. Von Freiern und auch von Leuten, die sich von ihr Hilfe erhofft haben. Es gibt einen rührenden Brief, da schreibt eine Mutter, Domenica könnte in die Familie aufgenommen werden, wenn sie sich um den völlig vereinsamten Sohn kümmere. Sie werde auch reichlich belohnt.

ZEIT ONLINE: Der Film erscheint in der neuen NDR-Reihe Ein Foto erzählt eine Geschichte. Ausgangspunkt der Folge zu Domenica ist ein Bild, auf dem sie an einem Sofa lehnt und in die Ferne blickt. Was bedeutet es Ihnen?

Zint: Auf dem Foto hat sie ein fast madonnenhaftes Gesicht. Das kam ihr ziemlich nahe. Es ist Anfang der Achtziger in ihrer damaligen Wohnung über der Kneipe Crazy Horst in der Hein-Hoyer-Straße entstanden. Ich habe sie öfter dort besucht. Zum Schluss war sie ja ziemlich aufgedunsen, von Kortison und anderen Medikamenten. Sie war schwer zuckerkrank und wusste nicht, wie man Insulin spritzt. Nachdem meine Frau ihr das mal beigebracht hat, hat sie es einige Wochen gemacht, es dann aber doch wieder sein lassen. Domenica ging mit ihrer Gesundheit nicht gut um. Sie hat Blut gehustet und sich gleichzeitig die nächste Zigarette angezündet.

ZEIT ONLINE: Domenica ging zunächst für ihren zeitweiligen Geliebten Hans-Joachim Kleine anschaffen, der "Hanne" genannt wurde und Wirt der Boxer-Kneipe Ritze war. Er hatte bislang ein gutes Image. Wie kommt es dazu, dass er im Film als höchst unangenehme Figur beschrieben wird?

Zint: Mit dem Kiez ist es ja so: Wenn einer stirbt, ist er der Beste, der Größte, der Pate. Jene, die in den Medien einen besonders guten Stand haben, sind meistens die miesesten Verbrecher und selten Spinner, die nur heiße Luft verbreiten. Kurz vor Dominicas Tod war ich mit ihr noch einmal bei Hanne, weil sie 1.000 Euro für eine Zahnarztbehandlung brauchte. Da hat er gesagt: "Von mir kriegst du gar nichts mehr." Als sie entgegnete, sie habe schließlich vier Jahre für ihn geackert, sagte er nur: "Du und geackert? Du hast doch nur im Bett gelegen."