Angst, hieß es, bevor sie zum Motor allen Handelns, Denkens, Hetzens wurde, ist ein schlechter Ratgeber. Besonders Anfang der Neunziger war sie auf dem absteigenden Ast. Der Kalte Krieg galt als beendet und damit laut Fukuyama ja die Geschichte im Ganzen. Anstelle des düsteren Molls der drohenden Atomkatastrophe verflogen im hedonistischen Stakkato viele Zukunftssorgen. Es sollte in diesen Zeiten also eigentlich kein Problem gewesen sein, einmal in einen Club reinzugehen, an dem man sonst nur ängstlich vorbeigeschlichen war: dem Top Ten auf der Hamburger Reeperbahn, das einst als unheimlichster Club seiner Epoche galt.

Als ich es 1990 – ein bisschen wackelig, aber immerhin – erstmals betrat, kam mir die alte Furcht vor dem Laden fast stimulierend vor. Schließlich hatte das Top Ten einen Ruf, der mit verrufen noch harmlos umschrieben wäre. Jener Club, in dem die Beatles 1961 fast 100 Auftritte hatten, war ein Zuhältertreff und 30 Jahre später zum krassesten Rockerschuppen der Reeperbahn verkommen.

Seit den 1970er Jahren hockten an der Bar des Top Ten die braun gebrannten, meist langhaarigen Luden in ihren gepflegten Lederjacken und schauten nach neuen Mädchen aus. Zu Weimarer Zeiten bereits als Hippodrom mit halbnackten Showreiterinnen eröffnet, bombardierte der Boulevard seit den Siebzigern sein sensationslüsternes Publikum nun wöchentlich mit Horrorgeschichten voller Schusswechseln und Schlägereien aus dem Hamburger Stammlokal der Zuhälterprominenz.

Der Club hat die Zeit der Bandenkriege begleitet

Ab 1984 gehörte das Top Ten keinem Geringeren als Karl-Heinz Schwensen, jenem Kiezianer, der es bis heute geschafft hat, sich eine gewisse Prominenz zu erhalten. Legendär bleibt, wie er 1996, angeschossen in einem Bistro im feinen Hamburger Viertel Pöseldorf, von der Trage des Notarztes mit Victoryzeichen grüßt, mit freiem Oberkörper und natürlich seiner obligatorischen Sonnenbrille.

Es war die Zeit der Bandenkriege, die 1982 mit der Ermordung zweier Mitglieder der sogenannten Nutella-Bande einsetzte. Das Milieu versank in Blut, Blei und Tränen, kein guter Ort also für einen frisch gebackenen Ex-Teenager aus dem Altbauwohnviertel westlich der Alster. Als ich die Reeperbahn 136 mit dem Vorsatz anlief, nicht angespannt vorbei-, sondern ganz entspannt hineinzugehen, hatte die Eventkultur das Zepter zwar bereits von der Angstkultur übernommen. Nur: Auge in Auge mit einem Türsteher vom doppelten Umfang meines eigenen (vom Bizeps ganz zu schweigen), erschien mir der Führungswechsel plötzlich irgendwie, nun ja, theoretisch.

Der kurz geschorene Kleiderschrank am vergatterten Einlass sah jedoch gelangweilt durch mich hindurch. Dann erleichterte mich die Kassiererin um den enormen Betrag von mehr als zehn Mark und winkte mich dorthin, wo ein Lude namens Bobby zwei Jahre darauf einem Querschläger erliegen würde. Gut, im dunklen Gang gen Saal flogen mir keine Kugeln um die Ohren, sondern ein Partysound zwischen Schweinerock und Bauerntechno.

Mein Puls raste trotzdem wie in der Polizeikontrolle. Dabei war das Herz mutmaßlicher Gesetzlosigkeit seltsam fahl beleuchtet, viel weniger schillernd als erwartet. Aber ich war ja auch nicht nur zum Vergnügen hier, sondern um meine Angst zu besiegen. Übrigens erfolgreich.