Die Grenze zwischen Wahn, Wirklichkeit, Wahrhaftigkeit und Witz ist bekanntlich fließend. Man kann das gut im Weißen Haus beobachten, ach eigentlich überall, wo Populisten, befeuert von paranoidem Machtkalkül, die Realität untergraben. Man kann es aber auch dort sehen, wo Carlo Ljubek einfach seinem Beruf nachgeht. Auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses zum Beispiel, wo der Mann aus dem Münsterland zum Ensemble zählt, seit ihn Intendantin Karin Beier vor vier Jahren aus Köln mit an die Alster nahm. Oder im Film, der den exzellent ausgebildeten Schauspieler die meisten seiner 41 Jahre nur zögerlich eingesetzt hat.

Bis jetzt. Denn nachdem sich Carlo Ljubek von München über Berlin bis Köln und Hamburg zu einem der auffälligsten Theatermimen gemausert hat, drängt er auch auf Leinwand und Bildschirm ins Rampenlicht. Zum Beispiel Montagabend, in seiner neuen Heimatstadt. Als männliche Hauptfigur des ZDF-Thrillers Im Tunnel sorgt Ljubek als Architekt Mehdi Adam für den rationalen Part eines Verwirrspiels am Rande des Hirngespinstes. Seine Frau Maren (Maria Simon) verrennt sich dabei in die Aufklärung eines Giftmüllskandals unter Hamburgs Innenstadt, der mit jeder Filmminute mehr zur absurden Verschwörungstheorie gerät.

Schweigers "Tatort" oder "Winnetou" sind auch im Portfolio

Ein Anker der Normalität im Meer des Irrsinns, plausibel und glaubhaft – vor der Kamera ist das Carlo Ljubeks Paraderolle. Im Gegensatz zur Bühne, wo er unter Michael Thalheimers Regie zurzeit als Dorfrichter Adam splitterfasernackt durch Heinrich von Kleists Der zerbrochene Krug wütet. "Die Suche nach Bildern, Metaphern, einer Überhöhung von Form ist am Theater besonders interessant", erklärt Ljubek die Ambivalenz seiner Bühnenpräsenz und wirkt beim Gespräch in der Schauspielhaus-Kantine eher wie eine der Filmfiguren: ungekünstelt, unprätentiös, fast unscheinbar.

Andererseits suche er bei aller Exaltiertheit auch im Theater etwas, "das ganz bei mir ist", so wie er im Film danach forscht, "mich emotionalen Grenzerfahrungen zu nähern". Gut, ein Schauspielprofi mit dem Anspruch, vielschichtig und anspruchsvoll zu sein, muss solche Sätze sagen. Das Rampenlicht braucht Marketing und Marketing das Rampenlicht. Aber bei Carlo Ljubek klingen sie irgendwie einleuchtend, überzeugender jedenfalls als bei vielen seiner Kollegen. Vielleicht liegt das ein wenig daran, wie sympathisch der Familienvater aus St. Pauli hinter der schönen Fassade ist. Möglicherweise hat es aber auch mit einem Portfolio zu tun, das für die Vielschichtigkeit allen Anspruch, nun ja, schon mal Anspruch sein lässt.

Um im lukrativen Fernsehgeschäft Fuß zu fassen, hat er gelegentlich auch oberflächlicher Stangenware zugesagt. Dem berechnenden Mittelalter-Mumpitz Die Pilgerin etwa oder ab und an eher durschnittlichen Krimis. Über Projekte zu reden, die er besser nicht gemacht hätte, sei in einem Gewerbe voller Schauspieler, die sich regelmäßig beim Arbeitsamt meldeten, zwar heikel. Aber manchmal dürfe es auch einfach nur Spaß machen, sagt Carlo Ljubek und zeigt beim Lachen die jungenhafte Lücke zwischen den Schneidezähnen.

Mit finanzieller Not hatte es also wenig zu tun, dass er in Till Schweigers Ballermann-Tatort 2013 den fiesesten Killer am Set spielte oder kurz darauf einen schmierigen Gangster im RTL-Remake von Winnetou. Beides waren eher Filme aus Freundschaft zu den Beteiligten. Überdies Filme, in denen der schwarzhaarige Dreitagebartträger mit dem melancholischen Boxerblick ausnahmsweise Rollen spielte, die hierzulande oft für Menschen mit Migrationshintergrund östlich der Oder vorgesehen sind: die als Täter.