Paule Pickenpack ist eine Pfeffersacklegende. Als Thailand noch Siam war und nur per Schiff erreichbar, gründete er dort 1858 Deutschlands erste Handelsdependance, wurde Hamburgs Generalkonsul vor Ort und hier wie dort förmlich vergöttert. Sogar einen siamesischen Ehrentitel bekam er: Luang Sayam Yotban. Trotzdem gibt es Leute, die beim Namen Pickenpack heute an Lederjacken, Feuerstuhl und, pardon, Kotze denken.

Schuld daran ist ein Hamburger Lokal, das viele Jahre nach Pickenpacks Ableben nach ihm benannt wurde. Und ein schöner Sommertag vor 34 Jahren, den diese Leute noch lebhaft in Erinnerung haben. An diesem Tag stürmte ein Trupp Hells Angels um den berüchtigten Rockerboss Klaus-Peter Grabe ins Pickenpack und mischten den Laden am Schulterblatt mal so richtig auf. Gäste wurden belästigt, Essen flog durch die Luft, ein Höllenengel erbrach sich angeblich auf der langen Theke links vom Eingang.

Es war wohl das reinste Chaos – wenngleich kein allzu ungewöhnliches zu jener Zeit. Schließlich war das Schanzenviertel fest im Griff der Motorradgang aus den USA, die gut zehn Jahre zuvor ihr erstes deutsches Chapter in Hamburg eröffnet hatte, genauer: auf St. Pauli.

Einer der bevorzugten Treffpunkte der Rockergang war das Pickenpack am Neuen Pferdemarkt. Bevor die Angels das Viertel für sich einnahmen, hieß das Lokal noch ganz bieder Bierhaus Schulterblatt. Die Wirtin damals sei sehr streng gewesen, erinnert sich der Hamburger Fotograf Günter Zint. Am Wochenende habe sogar Krawattenzwang geherrscht.

Wer das Pickenpack wie ich erst ein paar Jahre nach der Rockerzeit kennenlernte, bekam von alldem fast nichts mehr mit. Wenige Tage nach der Randale der Angels durchsuchte die Polizei einen etwas größeren Laden direkt ums Eck vom Pickenpack, den Angels Place. Und nach der bundesweit beachteten Razzia wurde ein Verbotsverfahren der kriminellen Vereinigung eingeleitet.

Tullamore Dew mit Ginger Ale für sieben Mark

Die Kutten der Hells Angels verschwanden zumindest offiziell aus dem Stadtbild und ihr bevorzugtes Wirtshaus-Motto: "Willst du ficken, juckt der Sack, musst du nur ins Pickenpack" – wurde Ende der Achtzigerjahre peu à peu zum ganz gewöhnlichen Schanzenviertel-Club. Einem Quartier, das sich damals noch sehr, sehr gemächlich hübsch zu machen begann für die Neuentdeckung des Gründerzeitcharmes.

Keine Ahnung, wie er mit Rockerpublikum zuvor ausgesehen hatte; dem Szenepublikum jener Tage zeigte sich das entradikalisierte Pickenpack vor einem Vierteljahrhundert als modernisierte Oma-Kneipe mit Emaille-Tafeln über rustikalen Sitzbuchten. Es gab Bier aus Gläsern, Snacks auf Tellern, eine legendär atemberaubende Garderobenfrau, die Persönlichkeitssuchende wie mich mit dem Arsch nicht ansah, und ansonsten das fröhliche Stimmengewirr ortsüblicher Nachbarschaftskneipen, denen Sehen und Gesehenwerden noch etwas weniger bedeutete als ein geselliger Abend.

Wer den Tresen allerdings links liegen ließ und dem schmalen Gang nach hinten folgte, fand dort die kleinste Tanzfläche der näheren Umgebung. Und sie wirkte auch nur deshalb substanziell größer als das DJ-Pult am Rand, weil die Wände ringsum vollverspiegelt waren. Musikalisch gab es der Inneneinrichtung entsprechend Kraut-und-Rüben-Chartspop mit sanften Gitarrenrock-Einflüssen. Pickenpack hieß halt nicht unbedingt Abdrehen, eher schon Vorglühen. Tullamore Dew mit Ginger Ale für sieben Mark. Nicht billig, aber randvoll.

Die Rote Flora war noch ein leerstehendes Kaufhaus

Das Pickenpack genoss in der alternativen Clubkultur Mitte der Achtziger einen intakten Ruf. Gemeinsam mit dem Zartbitter und der Kleinraumdisco Stairways bildete es ein Bermuda-Dreieck der frühen Schanzen-Szenigkeit. Die Rocker waren verdrängt und dank des gerade wieder aufgestiegenen FC St. Pauli versammelte sich in diesen Läden ein erfrischend buntes Publikum. Sie gaben der ansetzenden Aufwertung des Viertels aber auch bereits Schwung, als die Rote Flora noch ein leerstehendes Kaufhaus mit Musical-Ambitionen war.

Im Grunde wurde das Pickenpack am Ende eines der ersten Opfer seiner selbst. Noch vor der Jahrhundertwende wurde es von einem Kettenrestaurant verdrängt, das dem Schanzenviertel heute gemeinsam mit anderen Läden die Seele raubt.

Das Restaurant heißt Bok, was auf Deutsch angeblich Glück bedeutet. Zumindest für die Betreiber, denen die Sahnelage zwischen Piazza und Pferdemarkt einen nie versiegenden Strom an Touristen und Kreativen zuführt, erscheint das als sehr passend. Immerhin: Amerikanische Motorräder mit bedrohlichen Kuttenträgern haben, wie man hört, nicht mehr dort gehalten.