Die ersten Plakate stehen am Straßenrand, die Parteien laden zu Veranstaltungen ein, ihre Anhänger verteilen Werbematerial vor Bahnstationen und in Fußgängerzonen; der Bezirkswahlkampf in Hamburg hat begonnen. Wenig aktiv ist diesmal die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), die so schwach wie schon lange nicht mehr wirkt. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr erzielten die Hamburger mit nur 0,6 Prozent der Stimmen das bundesweit schlechteste Ergebnis für die NPD.

In vielen Wahllokalen in Hamburg werden rechtsextreme Kandidaten am 25. Mai 2014 bei der Bezirkswahl keine Rolle spielen. Nur in drei von sieben Bezirken tritt die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) überhaupt an: In Bergedorf, Nord und Wandsbek wirbt die NPD mit Slogans wie "Geld für die Oma statt für Sinti und Roma" oder "Vorbild Schweiz. Masseneinwanderung stoppen".

Die Rechtsradikalen hoffen vor allem auf Stimmengewinne bei der Europawahl, die gleichzeitig stattfindet. Nach dem Wegfall der Dreiprozenthürde hat die NPD bundesweit gute Chancen, genügend Stimmen zu sammeln, um in das Europaparlament einzuziehen. Die zerstrittene NPD könnte einen Erfolg dringend gebrauchen – auf Bundesebene und auch in Hamburg: Seit dem Tod des einflussreichen und wohlhabenden Neonazis Jürgen Riegers 2009 geht es mit der Partei im Norden bergab. Rieger war nicht nur der Kopf der Rechtsradikalen in Hamburg, sondern auch ein wichtiger Finanzier der rechtsextremen Szene. Ohne den deutschlandweit bekannten Neonazi dringt die NPD kaum noch in die Öffentlichkeit.

Zahl der Anhänger in Hamburg sinkt

Die Nachrichten, die der Landesverband zuletzt produzierte, waren aus Sicht der Parteiführung alles andere als positiv: In Hamburg sank nach Angaben des Landesamt für Verfassungsschutz die Mitgliederzahl. Die Anhängerschaft der NPD beträgt nach Angaben der Behörde gerade einmal 130 Personen. Die NPD habe in den vergangenen Jahren nur "wenige öffentliche Aktionen" gehabt. Für 2013 stellt die Behörde fest: "Eigene Kundgebungen oder Demonstrationen fanden nicht statt."

Ohne die Freien Kameradschaften, Zusammenschlüssen von oft gewaltbereiten Neonazis, wäre die Partei kaum handlungsfähig. "Der Landesverband der NPD arbeitet weiter eng mit parteiunabhängigen Neonazis zusammen und war 2012 besonders im Internet propagandistisch aktiv", heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht. Für die Verbindung von freien Kameradschaften und NPD stand zuletzt der Neonazi Thomas Wulff. Er kommt aus der rechtsradikalen Kameradschaftsszene, trat 2004 in die NPD ein und brachte zahlreiche bis dahin unabhängige Rechtsextreme mit. "Ein besonderes Merkmal der rechtsextremistischen Szene in Hamburg ist die starke neonazistische Prägung der NPD. Das Personenpotenzial von NPD und Neonazi-Szene überschneidet sich erheblich", stellt der Verfassungsschutz fest.

Wulff, der sich nach einem berüchtigten SS-General "Steiner" nennen lässt, wurde in den Bundesvorstand der Partei berufen und im März 2014 zum Chef der Hamburger Landesorganisation gewählt. Er war Weggefährte von Jürgen Rieger und steht wie sein Mentor für einen radikalen Kurs der NPD.

Wulff bezeichnete sich öffentlich als "Nationalsozialist"

Die NPD-Hamburg verkündete im März auf ihrer Homepage, dass "in gemütlicher aber gesprächsintensiver Runde" Wulff zum neuen ersten Vorsitzenden gewählt worden sei. Doch nur wenige Tage später berief der NPD-Bundesvorstand die Hamburger Führung ab. Wulff soll sich vor seiner Wahl öffentlich als Nationalsozialist bezeichnet haben. Solche verbalen Entgleisungen dürften der NPD im anstehenden Parteiverbotsverfahren schaden: Der NPD soll darin nachgewiesen werden, dass sie in "aggressiv-kämpferischer Weise die Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung" bezweckt. Spitzenkader, die sich selbst als Nationalsozialisten bezeichnen, gefährden das Überleben der NPD. Wulff akzeptiert den Entschluss des Parteivorstands nicht. Er blieb gegenüber Medien bei seiner Aussage und versucht nun, vor einem Parteigericht gegen seine Abberufung vorzugehen. Der Streit unter den Rechtsradikalen geht weiter.

Wulff war bisher mit heftiger Kritik an der Bundesparteispitze aufgefallen, die ihm im vergangenen Jahr ein Parteiausschlussverfahren einbrachte, und mit der Organisation gewalttätiger Demonstrationen. Auf einer Kundgebung am 2. Juni 2012 wurde der Versammlungsleiter Wulff als "würdiger Nachfolger unseres Kameraden Jürgen Rieger" angekündigt.

Rieger war nicht nur Landesvorsitzender der NPD. Der Rechtsanwalt aus Blankenese gab die rechte Nordische Zeitung heraus und führte zahlreiche Organisationen in Norddeutschland. So leitete er die Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V. und die Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e.V.