Hamburgs Lokalpolitiker mögen Facebook, Twitter nicht so – Seite 1

Social Media ist in der deutschen Politik angekommen: Im Deutschen Bundestag twittern und facebooken mehr als 95 Prozent der Abgeordneten, im Europaparlament tun es fast genauso viele (90 Prozent). Und selbst in der Hamburgischen Bürgerschaft hat sich in den vergangenen Jahren während der Plenarsitzungen eine Debattenkultur auf Twitter entwickelt. Rund 40 Abgeordnete des Hamburger Landesparlaments twittern während der Sitzungen live aus der Bürgerschaft. Auf Landesebene nutzen über 80 Prozent der Abgeordneten Netzwerke wie Xing, Facebook oder Twitter.

Doch wie sieht es in den Hamburger Bezirken aus, in den Niederungen der Lokalpolitik?

Die Deutschen informieren sich heute über das politische Geschehen in der eigenen Gemeinde mit wachsender Tendenz  im Internet. Diesen Trend haben in Hamburg unter anderem einige hyperlokale Blogs erkannt und besetzen diese Nische mit Erfolg, die traditionellen Medien haben das lange vernachlässigt. Wähler diskutieren in Foren über Themen und Politiker, twittern über Beschlüsse der Bezirksversammlungen und editieren Wikipedia-Artikel von Kandidaten. Das heißt: Kommunalpolitik findet heute auch im Netz statt. Egal, ob ein Politiker eigene Präsenzen im Netz besitzt und diese bespielt – es wird über ihn und seine Themen gesprochen. Die Frage, die sich Lokalpolitikern heute stellt, sollte also sein: Lasse ich über mich reden, oder rede ich mit?

Die wenigsten Hamburger Kommunalpolitiker haben bislang eigene Webpräsenzen, viele Partei- und Fraktionsseiten sind nicht aktuell und schlecht gepflegt. Auf den offiziellen Webseiten der Bezirksversammlungen im Stadtportal hamburg.de findet man zudem so gut wie keine aufbereiteten Informationen zu aktuellen Aktivitäten der Bezirksversammlungen. Das in einigen Bezirken eingesetzte neue Ratsinformationssystem ist bei den Bürgern so gut wie unbekannt, dementsprechend wenige Hamburger informieren sich auf diesem Wege.  

Kommunalpolitik im Netz – alles nur Hype?  

Soziale Netzwerke bieten vor diesem Hintergrund die einfache Möglichkeit, seine Positionen und Themen parallel zum Geschehen in den Versammlungen zu veröffentlichen und direkt mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Durch die Kommunikation via Facebook und Twitter können potenzielle Wähler über die gesamte Legislaturperiode einfach in die Arbeit ein- und an Politiker gebunden werden. Zudem eignet sich zum Beispiel Twitter als hervorragendes PR-Instrument und ersetzt die klassische Pressemitteilung, da viele Journalisten in Hamburg das Netzwerk bereits nutzen und intensiv zur Recherche einsetzen. Auch für die Meinungsforschung im Stadtteil bietet Social Media Potenzial, das viele Kommunalpolitiker bisher noch nicht erkannt haben.

Facebook, Twitter und Co können die Arbeit von Kommunalpolitikern also bereichern. Das funktioniert aber nur, wenn diese auch die Kultur hinter den Instrumenten verstehen, sie müssen motiviert sein und Zeit mitbringen. Immerhin zeigt die Analyse der Aktivitäten der 361 Bezirksabgeordneten: So viel Social Media war noch nie in der Hamburger Kommunalpolitik.

183 bei Facebook, 63 bei Twitter

In der gerade zu Ende gehenden Legislaturperiode haben mehr als 50 Prozent der Abgeordneten ein aktives Profil in einem der beiden großen Netzwerke Facebook und Twitter. Beide Netzwerke sind die meistgenutzten Social-Media-Kanäle in der Bundes- und Landespolitik. Genau 191 Lokalpolitiker nutzen Social Media, davon sind 183 bei Facebook angemeldet, 63 bei Twitter.

Das entspricht in etwa der Social-Media-Nutzung in der Hamburger Bevölkerung: Auch hier nutzen etwas mehr als 50 Prozent soziale Netzwerke. In den Bezirksversammlungen ist der Altersdurchschnitt aber wesentlich höher als in der Gesamtbevölkerung. Vergleicht man die Nutzung der älteren Hamburger mit den Abgeordneten der Bezirksversammlungen, nutzen deutlich mehr Politiker die Netzwerke. Dies zeigt: Politisch wird Social Media in Hamburg intensiv genutzt.

Die Bezirksversammlung Hamburg-Nord liegt vorn

Die meisten Abgeordneten haben ein privates Facebook-Profil: 177 Bezirksabgeordnete sind damit auf Facebook unterwegs, das sie in den meisten Fällen auch nicht trennscharf zwischen Politik und Privatleben abgrenzen. Das entspricht den Bezirksversammlungen, denn die Abgeordneten arbeiten ehrenamtlich, politisch engagieren sie sich nur in ihrer Freizeit. Nur 15 Abgeordnete (4,4 Prozent) haben sich bisher für eine professionelle Darstellung via Fanseite entschieden. Facebook hatte diese für solche Zwecke eingeführt, die Politiker können sich damit noch besser auf dem Netzwerk darstellen.

Nur 63 Politiker in sieben Bezirksversammlungen haben einen Twitter-Account, das entspricht 17,5 Prozent aller Abgeordneten. In der deutschen Gesamtbevölkerung nutzen etwa sieben Prozent Twitter. Der Microbloggingdienst wird in der hanseatischen Kommunalpolitik also mehr als doppelt so häufig genutzt. Zu den aktivsten Twitterati gehören Tim Schmuckall (CDU); Carsten Ovens (CDU), Jan Penz (Piraten), Jan Wegener (SPD), Nico Ecke (Piraten), Stephan Jersch (Die Linke), Michael Osterburg (Grüne) und Stefanie Könnecke (Grüne).

In den Bezirksversammlungen sind die Piraten am aktivsten

Die meisten Social-Media-Nutzer sitzen in der Bezirksversammlung Hamburg-Nord: 62,7 Prozent sind hier im Netz aktiv. In Hamburg-Bergedorf sind es hingegen nur 30 Prozent. In Nord nutzen über 60 Prozent Facebook, Bergedorf landet auch hier auf dem letzten Platz (25 Prozent). In Hamburg-Mitte (#bvmitte) gibt’s hingegen die meistern twitternden Politiker, 25,5 Prozent der 51 Mitglieder der Bezirksversammlung twittern hier von ihren Aktivitäten und aus  Versammlungen. Aber auch in Altona und Wandsbek nutzen vergleichsweise viele Abgeordnete Twitter.

Noch ein Blick auf die Fraktionen: In den Bezirksversammlungen sind die Piraten in den sozialen Medien am aktivsten, gefolgt von SPD, CDU,  Grünen und FDP. Den letzten Platz belegt Die Linke mit 38,5 Prozent. Und: Wahlkampfzeiten sind nicht unbedingt repräsentativ, denn dann steigt naturgemäß die Aktivität der Kandidaten in den Netzwerken.

 Mitarbeit: Cedric H. Lüchau