ZEIT ONLINE: Neuengamme war das größte Konzentrationslager in Nordwestdeutschland. 106.000 Gefangene wurden in dem KZ misshandelt, 50.000 Menschen wurden dort ermordet. Dennoch scheinen viele Hamburger wenig über das KZ Neuengamme zu wissen – wie erklären Sie sich das?

Johann Klarmann: Mich verblüfft das immer wieder. Es gibt mehrere Gründe, warum das ehemalige KZ Neuengamme nicht so bekannt ist wie andere Lager. Dazu gehört, dass Neuengamme und das Leid der KZ-Häftlinge nach dem Ende der Nazi-Herrschaft über Jahrzehnte verdrängt wurde.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch Die erneute Demütigung schreiben Sie, dass die Hamburger das KZ Neuengamme nach der Befreiung vom Nationalsozialismus bis Ende der siebziger Jahre nur wenig wahrnahmen. Woran liegt das?

Klarmann: Senat und Verwaltung wollten nicht an das Konzentrationslager und an das Leid der Gefangenen erinnern. Vielmehr nutzte Hamburg das ehemalige KZ-Gelände im Wesentlichen für den Strafvollzug. Es wurde zunächst 1948 eine Justizvollzugsanstalt eingerichtet und 1969 eine weitere in Betrieb genommen. In der Gefängnisbehörde hielt man bis Ende der siebziger Jahre an der Argumentation fest, durch einen vorbildlichen Strafvollzug das Konzentrationslager aus der Erinnerung löschen zu können. Jahrzehntelang verhinderten Senat und Verwaltung mit Hinweis auf den Strafvollzug, dass eine Gedenkstätte auf dem eigentlichen KZ-Gelände entstehen konnte. Die Gedenksäule von 1953, die Gedenkstätte von 1965 und das Dokumentenhaus von 1981 wurden abseits auf dem Areal der früheren Lager-Gärtnerei errichtet.

ZEIT ONLINE: Neuengamme hatte mehr als 80 Nebenlager, KZ-Häftlinge in blau-weiß gestreiften Uniformen zogen in Arbeitskolonnen durch die Stadt. Wie konnten so viele Hamburger später sagen, sie hätten nichts von der Existenz des Konzentrationslagers gewusst?

Klarmann: Es wussten weitaus mehr Hamburger von dem Konzentrationslager als sie es später, nach dem Krieg, zugeben mochten. Die KZ-Gefangenen waren im Stadtbild präsent. Sie mussten Trümmer räumen, wurden in vielen Fabriken als Zwangsarbeiter eingesetzt. Nach 1945 haben das viele Hamburger verdrängt und die Öffentlichkeit wollte keine Kenntnis mehr von der Existenz des KZ nehmen. In der Nachkriegszeit waren viele Hamburger mit dem eigenen Schicksal beschäftigt. Die Not war groß, die Stadt zerstört, der Wiederaufbau stand im Vordergrund. Es fand ein kollektiver Akt des Verdrängens statt.

ZEIT ONLINE: Britische Soldaten erreichten am 2. Mai 1945 das Lager. Es war zuvor von der SS geräumt worden. Leid und Verbrechen waren dort nicht mehr zu sehen. Spielt das für die Wahrnehmung nach 1945 eine Rolle?

Klarmann: Ja, ich denke, das ist ein wesentlicher Punkt. Aus anderen Konzentrationslagern, die von den Alliierten befreit wurden, sind grausame Bilder der ausgehungerten Gefangenen und der vielen Toten überliefert. Aus Neuengamme hatte die SS alle Gefangenen weggebracht. Die Briten fanden ein leeres Lager vor, das einen eher friedlichen Eindruck machte. Die Hamburger wurden nicht mit dem Elend in Neuengamme konfrontiert und es gingen keine Bilder des Grauens um die Welt.

ZEIT ONLINE: Im September 1948 übernahm die Stadt Hamburg das Lagergelände von der britischen Besatzungsmacht. War es damals schon das Ziel des Senats, auf dem KZ-Gelände ein Gefängnis aufzubauen?

Klarmann:
Ja, das war von Anfang an der Plan des Senats. Bereits vor der Übernahme von den Briten hatte der Senat dort 300 Häftlinge untergebracht, die den Aufbau eines Gefängnisses vorbereiten mussten. Wenig später wurden die Holzbaracken des Konzentrationslagers abgerissen und weitere feste Gebäude aus Stein gebaut. Die Parteien in der Bürgerschaft stellten den Gefängnisbau nicht infrage. Der von der CDU geführte Senat plante ab 1953 sogar, alle Hamburger Strafgefangenen in einer großen neuen Haftanstalt in Neuengamme unterzubringen  – übrigens in einem breiten Konsens. Dazu kam es aber nicht. Stattdessen wurde 1969 eine Jugendstrafanstalt auf dem Gelände eröffnet. Wie abwegig das war, hat man nicht erkannt.

ZEIT ONLINE:
Dachte niemand daran, eine Gedenkstätte aus dem ehemaligen KZ zu machen?

Klarmann: Nein, es wurde im Mai 1949 ein "Denkmal für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung" an zentraler Stelle auf dem Friedhof in Ohlsdorf eingeweiht, das allerdings keinen direkten Bezug zum KZ Neuengamme herstellte. Bei der Einweihung des Mahnmals kam es zu einem offenen Bruch zwischen den Sozialdemokraten, den Kommunisten und zwischen den ihnen nahestehenden Opferorganisationen. Erst die ehemaligen französischen Häftlinge und ab 1958 die Häftlingsvereinigung Amicale Internationale de Neuengamme forderten eine Gedenkstätte am Platz des früheren Krematoriums in Neuengamme.