Viele Straßen in Hamburg tragen die Namen reicher, mächtiger Männer. Über 2.400 sind es. Ab jetzt gibt es eine mehr in der Stadt: Der Hamburger SPD-Senat benennt die Wandsbeker Straße nach Werner Otto, sie möchte so den verstorbenen Begründer des Otto-Versandhauses und Förderer zahlreicher Stadtprojekte ehren. Eine Entscheidung, die er gefällt hat, ohne zuvor öffentlich darüber diskutieren zu lassen.

Die 123 Anwohner und 25 Gewerbetreibenden der Wandsbeker Straße bekamen bereits Post, bevor der Senat die Umbenennung überhaupt beschloss, also vor dem 17. April. Sie wurden darin lediglich um Verständnis für die entstehenden Umstände gebeten. Dann ging mit der Straße am Otto-Firmensitz alles sehr schnell.  Ein "intransparentes Hauruck-Verfahren", so nennt Julian Georg, der Fraktionsvorsitzende der Wandsbeker Linken die Namensänderung. Auch in seinem Bezirk entschied nur der nicht öffentlich tagende Hauptausschuss über die Senatsinitiative. Dort stimmten ihr Ende März alle Fraktionen zu, bis auf die der Linken.  

"Eigentlich liegt kein Grund zur Umbenennung vor", sagt Linken-Politiker Georg. Im Regelfall, so steht es in einer behördlichen Bestimmung, dürfe in Hamburg eine Straße nur umbenannt werden, wenn damit Unklarheiten entfielen, etwa wenn eine Straße ständig verwechselt würde. Davon könne man nur ausnahmsweise absehen, etwa wenn Namen NS-belasteter Personen die heutige Wertvorstellungen in eklatanter Weise verletzten. Beides trifft auf die Wandsbeker Straße nicht zu. Und trotzdem ist ihre Umbenennung zulässig.

Neue Straßenschilder lassen noch auf sich warten

"In Ausnahmefällen kann die Senatskommission für die Benennung von Verkehrsflächen von den Auswahlgrundsätzen abweichen", heißt es am Schluss der Bestimmung lapidar. Genau das führt aber zu eigenwilligen und sehr unterschiedlichen Handhabungen: Mal entscheiden die Hamburger Behörden ruckzuck, mal lehnen sie kategorisch ab. Mal werden die Anwohner befragt, mal nicht. Mal werden die zusätzlichen Verwaltungsgebühren übernommen, mal nicht. 

Als einen Ausnahmefall scheint der Senat jedenfalls die Wandsbeker Straße eingestuft zu haben. Das Ziel war es, pünktlich zum 13. August durch zu sein. An diesem Tag hätte Werner Otto seinen 105. Geburtstag gehabt. Überraschenderweise blieb nun für eine Feier zur Umbenennung keine Zeit, zumindest wurde dazu bis heute nichts bekannt gegeben. Auch die neuen Straßennamensschilder lassen noch auf sich warten. Die alten blieben noch sechs Monate und würden, wenn die neuen da seien, mit einem roten Querbalken versehen, so die Kulturbehörde.

Tatsächlich umbenannt wurden in den vergangenen fünf Jahren laut dem Staatsarchiv Hamburg 32 Straßen. Ein Beispiel dafür, dass es ganz anders als bei der Wandsbeker Straße laufen kann, ist die Kohlentwiete in Altona: Ursprünglich hatten sich Angehörige und Initiatoren aus der Altonaer Bezirksversammlung gewünscht, die Schützenstraße nach Süleyman Taşköprü zu benennen. In eben dieser lag der Tatort, an dem der Lebensmittelhändler von dem rechten Terrornetzwerk Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) ermordet wurde. Ein Anliegen, von dem schnell Abstand genommen wurde. Begründung: Der Änderungsaufwand für die Anwohner sei zu groß. Stattdessen wurde im Juni nur ein kurzes Teilstück der Kohlentwiete zur Taşköprü-Straße.