Wenn die Erstaufnahmestelle um Punkt acht Uhr öffnet, drängen sich schon die Flüchtlinge davor. Im Moment warten in manchen Nächten mehr als 130 Menschen vor der Alten Post in Harburg. Geflohen aus kriegserschütterten Ländern wie Syrien oder dem Irak. In einer langen Schlange stehen sie vor der Zentralen Erstaufnahmestelle Hamburgs. Dass sie sich hier einfinden müssen, um Asyl zu beantragen, haben sie meist schon auf ihrem Weg nach Hamburg gehört.

Auch wenn das Gedränge vor dem Polizeigitter groß ist: Nicht alle kommen dran, bis die Behördenstelle um zwölf Uhr wieder schließt. Manche müssen es am nächsten Tag wieder versuchen. Wer Glück hat und bis zum Schalter gelangt, muss seine Papiere zeigen und Fingerabdrücke abgeben. Dann folgen die Auflagen: Meldepflichten bei der Ausländerbehörde, beim Bundesamt für Flüchtlinge, bei Ärzten.


"Wir gehen pro Monat von 600 neuen Flüchtlingen aus, die sich bei der Zentralen Erstaufnahme melden", sagt Frank Reschreiter. Er ist Sprecher der Innenbehörde, der die Einrichtung untersteht. Die meisten von ihnen allerdings bleiben nicht in Hamburg, sondern werden "umverteilt". Nach dem sogenannten Königsberger Schlüssel wird jedes Jahr neu berechnet, wie viel Prozent der in Deutschland gestellten Asylanträge jedes Bundesland bearbeiten muss. Auf Hamburg entfallen aktuell genau 2,55 Prozent. Die Antragsteller, die über der Hamburger Quote liegen, werden in ein anderes Bundesland geschickt. Auch die Nationalität der Asylbewerber spielt dabei eine Rolle – nicht alle Bundesländer bearbeiten alle Herkunftsländer.

Über 2.000 Flüchtlinge in Erstaufnahme-Einrichtungen

Flüchtlinge, die in Hamburg bleiben dürfen, kommen zunächst in einer der fünf Erstaufnahmeeinrichtungen unter, von denen die alte Post die Zentrale ist. Dass es fünf Einrichtungen sind, ist neu: Bis 2012 gab es davon in Hamburg nur eine in der Sportallee in Groß Borstel und eine Außenstelle im mecklenburg-vorpommerischen Horst. Zusammen boten sie Platz für 270 Personen.
Da die Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen sind, hat die Stadt ihr Angebot ausgebaut. Die Zahl der in Deutschland gestellten Asylanträge hat sich seit 2011 mehr als verdoppelt: Waren es damals noch 53.300 Anträge im ganzen Jahr, wurden 2014 bis August bereits 115.700 Anträge gestellt.

Im Juni wurde die Zentrale Erstaufnahme von der Sportallee in die Alte Post nach Harburg verlegt. Auch dort stehen wegen Überbelegung Zelte vor dem Gebäude. Genau wie in einer ehemaligen Schule in Wilhelmsburg, wo 130 Flüchtlinge untergekommen sind und auf dem Parkplatz des HSV-Stadions an der Schnackenburgallee. Hier am Stadion sollten mal 100 Menschen unterkommen, mittlerweile sind es mehr als 1.200 Asylbewerber in Containern und Zelten. Insgesamt leben zurzeit rund 2.400 Menschen in den fünf Hamburger Einrichtungen der Erstaufnahme.

"Dass die Erstaufnahmestellen überfüllt sind, liegt vor allem daran, dass kein Platz in den Folgeeinrichtungen ist", sagt Franz Forsmann vom Flüchtlingsrat Hamburg. Die Flüchtlinge sollten eigentlich höchstens drei Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung bleiben und anschließend weitervermittelt werden. Für die 69 Folgeeinrichtungen in Hamburg ist die Sozialbehörde zuständig, verwaltet werden sie von dem Unternehmen "Fördern und Wohnen".

Angesichts der weltpolitischen Lage sei es absehbar gewesen, dass mehr Flüchtlinge kommen würden, sagt Forsmann. Die Kriege in Afghanistan und im Irak, die unsichere Lage im Iran, der arabische Frühling — Flüchtlingsorganisationen hätten immer wieder darauf hingewiesen, dass mit einem erneuten Zuwachs zu rechnen sei. So, wie schon einmal in den Neunzigern erlebt. Die Politik habe aber nicht die nötige Vorsorge getroffen. Stattdessen setzte der Senat nun hastig auf Lösungen, die sich bereits früher als menschenunwürdig erwiesen hätten, so Forsmann: Containerdörfer, Pavillons und Wohnschiffe. Über 28 solcher Einrichtungen will Hamburg in nächster Zeit schaffen.