"Die sollen mal Stimmung machen", sagt die Frau in der letzten Reihe rechts. Die etwa 70 Jahre alte Dame — rosa Blümchenbluse abgestimmt zum Nagellack, grüner Wollpullover, grüne Ohrstecker – möchte ihren Namen der Presse nicht verraten. Ansonsten aber ist sie auskunftsfreudig: Sie sei gekommen, weil sie die Lügen von CDU und SPD nicht mehr ertrage. Keiner kümmere sich um die kargen Renten der "deutschen Deutschen", den Asylanten dagegen würden alle helfen. Die AfD, erklärt die Rentnerin, sei deshalb die einzige Option. 

In vier Wochen sind in Hamburg Bürgerschaftswahlen und der Landesverband der AfD hat zum Auftakt geladen. Ins Souterrain des Emporio-Hochhauses sind nicht nur lokale Spitzenkandidaten gekommen: Auch Bundesparteichef Bernd Lucke ist da, ebenso Hans-Olaf Henkel, aus Hamburg stammender AfD-Vize und Europaabgeordneter.

Umfragen sehen die AfD in Hamburg derzeit bei vier Prozent. Ihr Traum vom Einzug in ein westdeutsches Landesparlament, er könnte in Erfüllung gehen. Doch der Termin fällt in eine innerparteilich heikle Phase: Bernd Lucke will beim Bundesparteitag Ende Januar seine beiden bisher gleichberechtigten Co-Sprecher Frauke Petry und Konrad Adam entmachten — und hat damit einmal mehr einen Richtungsstreit entfacht. 

Kruse schlägt in die islamfeindliche Kerbe

Auch Jörn Kruse, Vorsitzender des Hamburger Landesverbandes, kennt sich bestens aus mit innerparteilichen Querelen: Vor drei Monaten erst ist ihm der halbe Vorstand davongelaufen, aus Protest gegen die Nähe zur rechtspopulistischen, heute nicht mehr existierenden Schill-Partei.   

Die Veranstaltung im Emporio-Haus ist somit nicht nur ein öffentlichkeitswirksamer Startschuss — er wird auch parteiintern kritisch beäugt: Lucke und Henkel, die zwei eingeladenen Redner, gelten innerhalb der AfD als gemäßigt. Ihr Auftritt könnte jene Kritiker besänftigen, die befürchten, die Partei drifte zu weit in die rechte Ecke — und jene enttäuschen, die genau das erhoffen.  

Bevor allerdings Lucke und Henkel sprechen, sorgt Landeschef Kruse umgehend dafür, dass das Publikum auch harte, wenig liberale Worte zu hören bekommt. Beinahe jeder der 400 Stühle ist besetzt, als er mit seiner Rede beginnt. Er könne heute nicht über lokale Themen wie Busbeschleunigung oder Elbvertiefung reden, sagt er und widmet sich stattdessen dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo: "Das Attentat von Paris ist leider ein fatales Beispiel für die vier M: männlich, Migrant, Muslim, Misserfolg." Das Publikum klatscht laut – das Kalkül scheint aufzugehen.       

Nachdem vergangene Woche zwei muslimische Attentäter in Paris zwölf Menschen erschossen, hatte es nur wenige Stunden gedauert, bis die AfD Gemeinsamkeiten mit der islamfeindlichen Pegida-Bewegung bekundete. In diese Kerbe schlägt nun auch Landeschef Kruse. Er beteuert, nichts gegen Muslime zu haben, um sie dann doch zu diffamieren: "Was in einigen Männerhirnen schiefgelaufen ist, dass sie ihre Frauen und Töchter zwingen, als schwarze Monster herumzulaufen, erschließt sich mir nicht."

Als Kruse das Mikrofon an Gastredner Hans-Olaf Henkel übergibt, ist die Stimmung im fensterlosen Saal aufgeheizt. Die Veranstaltung ist öffentlich, es sind auch ein paar Kritiker gekommen. Die meisten stammen aus dem linksalternativen Gängeviertel, das liegt nur wenige Schritte vom Veranstaltungsort entfernt.