Das Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg hat momentan viel zu tun: Rund 400 radikalisierte Islamisten sollen in der Hansestadt leben, fast 50 weitere sollen bereits in den Dschihad nach Syrien oder in den Irak gezogen sein. Dort kämpfen sie für die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) und andere islamistische Gruppen im selbsterklärten Heiligen Krieg gegen Ungläubige. Zudem werben Salafisten und andere Radikale in Hamburg gezielt um Nachwuchs. Die Zahlen, die Hamburgs oberster Verfassungsschützer Torsten Voß jüngst präsentierte, zeigen, wie groß das Problem mit gewaltbereiten Islamisten in Norddeutschland geworden ist. Mehr als 600 Deutsche haben sich bereits dem IS angeschlossen, mindestens 35 im Irak und in Syrien aktiv gekämpft, 60 Islamisten aus der Bundesrepublik sollen im Nahen Osten gestorben sein. Allein in Bagdad sprengten sich zehn aus Deutschland stammende Selbstmordattentäter in die Luft.

Allein in Hamburg haben Sicherheitsbehörden elf Männern die Ausreise untersagt und deren Pässe abgenommen. Sorgen machten dem Verfassungsschutz aber nicht nur die Rückkehrer aus dem Dschihad – sondern auch die oft bislang kaum auffällig gewordenen IS-Sympathisanten in Hamburg. Die Terrororganisation drohte in seinem Propagandamagazin Dabiq im Oktober 2014 bereits mit Anschlägen in Westeuropa: "An diesem Punkt des Kreuzzuges gegen den Islamischen Staat ist es sehr wichtig, dass Attacken in jedem Staat stattfinden, der sich an der Allianz gegen den Islamischen Staat beteiligt, besonders in den Vereinigen Staaten, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Australien und Deutschland", hieß es darin. "Vielmehr sollten die Bürger dieser Kreuzfahrerstaaten überall dort, wo man sie trifft, zum Ziel werden." Der "Islamische Staat" werde nicht aufgeben, bis sein Banner über Rom weht.

Leere Drohungen sind das nicht, das zeigten die Attentate in Frankreich und die Pläne einer belgischen Islamistenzelle, die Polizeiwachen attackieren wollte. Nach dem tödlichen Überfall auf das Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar und dem Brandanschlag auf die Hamburger Morgenpost kurz darauf wegen dem Abdruck von Mohammed-Karikaturen wachsen auch in Deutschland die Sorgen vor schweren Terrorangriffen. In Dresden wurde eine geplante Demonstration der islamkritischen Pegida-Bewegung aus Sicherheitsgründen abgesagt.

In Hamburg beobachten die Sicherheitsbehörden vorerst nur

Wäre das auch in Hamburg möglich? Von einer "hohen abstrakten Gefahr", die momentan für Hamburg bestehe, sprach Voß unlängst auf einer Diskussionsrunde in Hamburg-Altona. Der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschatz wollte das Publikum vor sich nicht weiter verängstigen, aber die Situation auch nicht verharmlosen: "Die Lage für Hamburg und Deutschland ist ernst." Vor allem von Einzeltätern gehe Gefahr aus, sagte Voß. Dennoch nahm er ohne Personenschützer an der Podiumsdiskussion teil. Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Kazim Abaci hatte Experten zur Diskussion geladen: "Was tun gegen radikale Islamisten?", war die Leitfrage des Abends.

Zwei Antworten darauf hat die Bundesregierung bereits gegeben: Die Reise in Terror-Ausbildungscamps ins Ausland soll unter Strafe gestellt und die Personalausweise von radikalen Islamisten sollen künftig von der Polizei beschlagnahmt werden können, um deren Bewegungsfreiheit einzuschränken. Das seien hilfreiche Pläne, sagte Voß. Eine weitere Verschärfung der Gesetze bewertete er als unnötig. 

In Wolfsburg, Dinslaken und Berlin hat es jüngst Verhaftungen in den dortigen Islamistenszenen gegeben. In Hamburg beobachten die Sicherheitsbehörden vorerst nur. Einige der Rückkehrer aus dem Nahen Osten hätten sich wieder in die radikale Szene integriert, sagt Voß. Vor allem zwei Gotteshäuser in Harburg gelten als Anlaufstelle für gewaltbereite Salafisten. Der Verfassungsschutz hat die Taqwa-Moschee und die Masjid-El-Iman-Moschee im Visier. Dort predigte bereits der frühere Boxer Pierre Vogel, der heute ein Star in der Salafisten-Szene ist und auch in Hamburg regelmäßig junge Leute für die extreme Strömung anwirbt.

Sorgen machen den Sicherheitsbehörden aber vor allem Jugendliche und junge Männer, die sie nicht auf dem Schirm haben können, weil sie noch nicht auffällig geworden sind. Über das Internet radikalisieren sich einige Islamisten innerhalb weniger Wochen. Sie werden von dem IS gezielt zu simplen Anschlägen aufgerufen, zu Attentaten mit Autos oder Messerattacken in Demonstrationszügen. So hieß es im Propagandamagazin Dabiq. Je geringer die Zahl der Beteiligten sei und desto weniger zuvor diskutiert werde, umso eher werde ein Anschlag ohne Probleme ausgeführt. Die Attentäter sollten die Angriffe nicht verkomplizieren durch Mitwisser oder den Kauf komplexer Materialien. "Verlasse Dich auf Allah und ersteche die Kreuzfahrer" solle der Schlachtruf für alle Anhänger des "Islamischen Staates" sein. In Israel gab es bereits mehrere solcher Anschläge von allein agierenden Terroristen.