Warum nicht Hausboote für die Flüchtlinge bauen? Das war die Frage, die Constantin Bruns umtrieb. Der Architekturstudent von der Universität Hannover zeichnete erste Skizzen und merkte schnell: So teuer ist es nicht, abgehalfterte Binnenschiffe zu entkernen und mit einfachen Leichtbauhäusern aus Holz und Plexiglas auszustatten. Sechs solcher zweigeschossigen Häuser für insgesamt 48 Personen passen auf einen Durchschnittskahn. Drei Schiffe, und schon wäre eine Unterkunft für Flüchtlinge fertig. Klein, bescheiden und allemal besser als jede Container-Siedlung.

Nun liegt die Mappe von Bruns mit den Entwürfen seiner Seminargruppe auf einem Schreibtisch in Hamburgs Sozialministerium, das in der Hansestadt Behörde heißt. Bettina Prott leitet hier das "Projekt Kapazitätenausbau öffentliche Unterbringung". Ihre Kollegin Christiane Kreipe sucht für die Sozialbehörde ständig nach neuen Flächen für Flüchtlingsunterkünfte. Prott und Kreipe stehen unter Druck. Rund 12.300 Schlafplätze für Flüchtlinge stellt die Stadt derzeit bereit. 3.300 davon sind in der Erstaufnahme, wo sie nach ihrer Ankunft regulär drei Monate lang bleiben sollen, 9.000 in Folgeeinrichtungen. Weitere 5.000 müssten in diesem Jahr hinzukommen, hieß es noch im Januar. Doch das wird nicht reichen. Monatlich hebt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seine Prognose der Flüchtlingszahlen an. Kreativität ist gefragt, will man für jeden der Ankommenden ein Bett finden.

Also: Hamburg hat doch genug Wasser und Kanäle. Warum nicht auf Booten bauen?

Bettina Prott lächelt. "Charmante Idee", sagt sie und es klingt wie: "Vergessen Sie's." Dieser Unterton verschwindet auch nicht, als sie durch die Vorschläge anderer Studenten blättert: Zwei wollen Einfahrten zwischen hohen Mietshäusern überbauen. Schon drei Meter Breite reichen ihnen aus, um geschickt geschnittene Wohnungen darüber zu errichten. Ein anderer will das Oberdeck eines Parkhauses nutzen. Eine Studentin hat Hütten für Familien entworfen, die sie in aufgelassenen Schrebergärten platzieren möchte. Dächer von Flachbauten öffentlicher Gebäude, ungenutzte Bahngelände, Baulücken – wer sucht, findet in jeder Großstadt freie Räume, die alles bieten, was Flüchtlinge brauchen: Nähe zu Nachbarn, Schulen, Ärzte und Geschäfte, dazu einen guten Anschluss an den Nahverkehr.

"Stimmt schon", sagt Prott, "aber…", und dieses Aber darf man nicht missverstehen, Prott und Kreipe sind keine Bürokratinnen. Sie wissen nur, was los ist in ihrer Stadt. "Das allein hindert mich schon daran, solche Ideen spontan und ohne weitere Prüfungen toll zu finden", sagt Kreipe. Dann fallen Begriffe wie Brandschutz, zweite Feuerwehrzufahrt, Eisgang, Evakuierungsvorschriften bei Sturmflut, Emissionsschutz, Übernachtungsverbot. Doch mehr noch als die Vorschriften treibt die beiden Frauen etwas anderes um: "Die Stadt muss einfach sehr schnell viel Platz für Flüchtlinge schaffen."

Niemand hatte damit gerechnet, dass so viele Flüchtlinge in so kurzer Zeit kommen würden, auch in Hamburg nicht. Die Hansestadt hatte vielmehr wie die meisten anderen Kommunen der Republik nach den Asylbewerber-Hochzeiten der neunziger Jahre Unterkünfte geschlossen. Allein zwischen 2001 und 2010 verschwanden 11.000 Plätze. Um viele davon war es nicht schade: überdimensionierte Schiffe auf der Elbe, schäbige Hotelzimmer und enge privat betriebene Unterkünfte. Viel Geld wurde damals verschwendet.

Heute will die Stadt es besser machen. Eine Lenkungsgruppe "mit hoher Staatsratsdichte", zusammengesetzt aus Vertretern aller Bezirke und aus den Behörden für Inneres, Soziales, Schule, Stadtplanung, Wirtschaft und Finanzen berät über Strategien, Prognosen und neue Standorte. Die Genehmigungsverfahren wurden stark vereinfacht. Es gibt nur noch einen einzigen Betreiber für Flüchtlingsunterkünfte, das kommunale Unternehmen "Fördern und Wohnen" (F&W).

Die Firma hat Mindeststandards für ihre 69 Unterkünfte festgelegt. Container und sogenannte Modulhäuser sollen immer so gebaut werden, dass sie Wohnungen mit drei bis vier Zimmern gleichen. Jede dieser Wohnungen soll eine eigene Küche haben, ein Bad, eine Klingel, einen Briefkasten. Jedes Zimmer darin soll mit nicht mehr als zwei Personen belegt werden, oder mit einer Familie mit höchstens sechs Mitgliedern.

Seitdem das so ist, können in Hamburg keine Privatleute mehr mit Flüchtlingen Geschäfte machen wie in anderen Städten. In Berlin vergab beispielsweise das zuständige "Landesamt für Gesundheit und Soziales" in seiner Not die Sanierung, den Bau und den Betrieb von Flüchtlingsunterkünften häufig ohne Ausschreibung, manchmal sogar ohne Verträge an private Unternehmer. Einem Hostelbesitzer zahlte das Landesamt bis zu 50 Euro je Flüchtling, ohne jemals zu kontrollieren, in welchen Zuständen die Flüchtlinge dort lebten.

Seit Monaten wird nun in der Hauptstadt diskutiert, ob einige private Betreiber unrechtmäßig Kasse gemacht haben. Um welche Summen es geht, ist unklar, weil völlig intransparent ist, wer wie viel für welche Leistung bekommen hat. Nicht einmal das Landesparlament hat hier Einblick.

Solche Debatten muss Hamburg nicht fürchten. Ist also alles gut in der Hansestadt? Von wegen. Das sagen sogar die Manager von F&W. Auch Bettina Prott und Christiane Kreipe sind unzufrieden. "Die Stadt muss sich auf den Flüchtlingszustrom nicht nur durch die Schaffung neuer Unterkünfte einstellen, sondern auch bei den Schulen, Kindergärten, Beschäftigungsmöglichkeiten und Sprachkursen", sagt Prott. Und beim Wohnraum.