Seit mehr als 20 Jahren stehen sie zu Hause in seinem Regal: drei Leitz-Ordner voller Mitschriften aus den Jahren 1991 und 1992, die von der Vernehmung Oskar Grönings zeugen. Dirk Struß, Vorsitzender Richter a. D., hat seine Notizen all die Jahre aufbewahrt. Er hatte bereits geahnt, dass sie eines Tages noch mal von Bedeutung sein würden.

An diesem Dienstag vor dem Landgericht Lüneburg kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem Struß in seinen Unterlagen blättern muss. Er kann sich nicht mehr an alle Details aus der damaligen Befragung erinnern. Das kann man dem 67-Jährigen ebenso wenig zur Last legen wie die Tatsache, dass er die Aussagen des SS-Manns Gröning nicht mehr wortgetreu wiedergeben kann. Gröning war damals nur als Zeuge geladen in dem Verfahren gegen seinen ehemaligen SS-Kameraden Heinrich Kühnemann. Eine wortwörtliche Dokumentation war in diesem Zusammenhang nicht verlangt worden. Leider, muss man aus heutiger Sicht sagen.

Mehr als 70 Jahre nach den Geschehnissen in Auschwitz ist die juristische Aufarbeitung längst nicht abgeschlossen, vielmehr treten ihre Lücken beim Prozess in Lüneburg immer wieder offen zutage. Anders als etwa beim ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 wurden weitere Strafverfahren gegen ehemalige SS-Mitarbeiter in der Regel nicht wortwörtlich oder gar in Tondokumenten festgehalten. Auch in Lüneburg wird so verfahren. Vor einem deutschen Landgericht ist das durchaus üblich. Ob es allerdings der Sache gerecht wird, ist eine ganz andere Frage.

Und noch eine Frage drängt sich auf, und zwar spätestens, wenn man den 93-Jährigen zusammengesunken auf der Anklagebank sitzen sieht: Warum wird Gröning erst jetzt zur Rechenschaft gezogen?

Bereits 1977 ermittelte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gegen Mitarbeiter der Gefangeneneigentumsverwaltung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau – darunter Kühnemann und Gröning. 1985 wurde das Verfahren eingestellt. "Es fehlt ein hinreichender Tatverdacht", schrieb damals ein Oberstaatsanwalt. Gröning könne keine Beihilfe zum Mord vorgeworfen werden, weil "die Kausalität seiner Tätigkeit für den Erfolg der Vernichtungsaktion nicht gegeben" gewesen sei, hieß es später.

Anwälte kämpften vehement für ein Verfahren

Auch Gröning selbst beschrieb sich vor Jahren einmal als "Rädchen im Getriebe", ein ungewollt Schuldiger, der juristisch nicht schuldig sei. Damals konnte er sich fast sicher sein, dass er tatsächlich niemals mehr vor einem deutschen Gericht angeklagt werden würde. Doch einige Anwälte ließen nicht locker, darunter der Kölner Günther Feld. Er brachte Kühnemann 1991 vor Gericht. Auch in Lüneburg ist Feld ein Vertreter der Nebenklage.

Ähnlich wie im Fall Gröning wurde Kühnemann Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Als Verwaltungsmitarbeiter habe er das Gepäck der deportierten Juden an der Rampe in Auschwitz bewacht und damit den "reibungslosen Ablauf der Massentötung gewährleistet", lautete Felds Vorwurf. Doch das Verfahren gegen Kühnemann vor dem Landgericht Duisburg wurde vorzeitig eingestellt. Der Angeklagte sei gesundheitlich angeschlagen gewesen, sagte Struß. 1992 sei außerdem infrage gestellt worden, ob Kühnemann dem Prozess noch folgen könne. Immer wieder war er nicht zu den Prozesstagen erschienen. Letztlich habe das Bundesverfassungsgericht untersagt, dass das Verfahren fortgeführt werde, solange der Angeklagte nicht anwesend sein könne. Der Prozess wurde "vorläufig eingestellt".