Eins vorweg: Keine Strafe ist angemessen für das, was in Auschwitz geschehen ist. Nichts kann sühnen oder gar "wiedergutmachen", was dort Ungeheuerliches verbrochen wurde. Der industrialisierte Mord an Millionen Juden in den KZs und Vernichtungslagern der Nazis überfordert nicht nur unser Vorstellungsvermögen, es führt auch das Strafrecht bei der Strafzumessung in Grauzonen, zu Formeln des Absurden: Was ist ein Jahr Freiheitsstrafe gegen den Tod von Zehntausenden? Was wiegt ein Lebenslänglich gegen die Vergasung von Hunderttausenden?

Das heißt nun nicht, um auch das gleich klar zu sagen, dass das Strafrecht zu Auschwitz schweigen soll. Im Gegenteil, natürlich müssen die Täter vor Gericht, natürlich muss ihnen der Prozess gemacht werden, natürlich müssen sie bestraft werden. Aber jede Strafe muss geradezu notwendig auf groteske Weise außer Verhältnis stehen zum Verbrechen.

Man muss sich dieser irritierenden Einsicht stellen, wenn man die Nachricht liest, dass das Landgericht Lüneburg den 94jährigen ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord in rund 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt hat.

Auschwitz-Prozess - Vier Jahre Haft für SS-Buchhalter Gröning Im Lüneburger Auschwitz-Prozess hat das Landgericht den früheren SS-Buchhalter Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt. Die Strafe ist höher als von der Anklage gefordert.

Das Urteil bestätigt und bekräftigt die Rechtsprechung, die das OLG München im Prozess gegen den ehemaligen Sobibor-Wachmann John Demjanjuk durchgesetzt hat, gegen die täterfreundliche Rechtspraxis der Nachkriegsjahrzehnte: Wegen Beihilfe zum Mord in den KZs wird auch verurteilt, wem keine spezifische Einzeltat nachgewiesen werden kann, sondern "bloß" die Einbeziehung in das mörderische System Auschwitz. Dass Gröning in Auschwitz war, dass er an den Selektionen an der Rampe beteiligt war, dass er wusste, was dort geschah, und dies auch billigte, mindestens in Kauf nahm – all das steht nach dem Prozess außer Frage. Ein Freispruch kam daher nicht in Betracht.

Sicher ist auch, welche erlösende oder wenigstens befreiende Wirkung der Prozess für die Mehrzahl der über siebzig Nebenkläger hatte, die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer. Zu sehen, dass die bundesdeutsche Justiz endlich, viel zu spät natürlich, Ernst macht mit der Verfolgung der NS-Verbrecher und ihrer Gehilfen, und mehr noch, in diesen Prozessen gehört zu werden, öffentlich von dem Leid der Opfer und dem eigenen sprechen zu können – das war eine wesentliche Funktion des Prozesses. Und es war womöglich ein winziger Trost für die Nebenkläger.

Am Ende aber, wenn es um die Zumessung der Strafe geht, steht immer ein Individuum vor den Richtern, ein Mensch, welch ungeheuerliche Taten er auch begangen haben mag. In Lüneburg stand der Mann Oskar Gröning vor Gericht. Nicht die NS-Gewaltherrschaft an sich. Nicht das System Auschwitz als solches. Auch nicht, wiewohl mitunter der Eindruck entstehen konnte, die bundesdeutsche Justiz, die in den Jahrzehnten nach dem Krieg bei der Verfolgung von NS-Verbrechen auf ebenso erbärmliche wie beschämende Weise versagt hat (was allerdings mittlerweile völlig unbestritten ist).