"Wie ist es möglich, dass ein Denkmal, das seit 1912 zur Verehrung von Kriegsverbrechern in dieser Kirche errichtet wurde, heute immer noch unangetastet dasteht?" fragte etwa Louis Henri Seukwa im September 2013, als in Hamburgs zentraler Kirche eine öffentliche Diskussion über die Frage stattfand, wie eine angemessene Erinnerung an die Kolonialkriege gestaltet werden kann.

Wie Zimmerer hat auch der Professor für Erziehungswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg den Appell "Völkermord ist Völkermord!" unterzeichnet. Seit Langem setzt er sich für einen neuen Umgang mit der Gedenktafel im Michel ein. Er verweist darauf, dass der Krieg gegen die Herero und Nama einer der ersten von den Deutschen begangen Genozide gewesen sei. Die Kirche sei eine Institution, die gesellschaftliche Moral produziere und eine Fürsorge für den Frieden habe.

Gefallene und vermisste Hamburger Soldaten in Deutsch-Südwestafrika: Ausschnitt der Gedenktafel in der St. Michaelis-Kirche © Anke Schwarzer

"An der Tafel können wir nichts ändern, weil sie unter Denkmalschutz steht, so wie die ganze Kirche", sagt der Hauptpastor Alexander Röder. "Es war ein Völkermord, das wissen wir heute", so Röder, "und wir würden nie die Haltung von 1912, als die wilhelminische Macht auf ihrem Höhepunkt war, einnehmen". Aber die Tafel sei euch ein Gedenkort für die Angehörigen der gestorbenen Soldaten, zudem beachte sie die Mehrheit der Besucher überhaupt nicht, sagt Röder.

Vor knapp zwei Jahren habe Israel Kaunatjike, ein Nachfahre von Herero-Überlebenden, einen Rahmen mit Fotos von Opfern des Kolonialkrieges unter die Gedenktafel gestellt, wo sie bis heute steht. Das sei eine Form von "Gegendenkmal", so Röder. Damals habe man auch überlegt, einen QR-Code an die Tafel zu anzubringen, um Besucher auf eine Internetseite zu leiten, die sich mit dem Thema auseinandersetze. "Aber das sei leichter gesagt als getan, so Röder.

Deutsch-britisches Konsortium mit Hamburger Beteiligung

Der Umgang mit der Tafel könne nicht "von oben" bestimmt werden, sagt Zimmerer, aber klar sei auch, dass man sie nicht unkommentiert stehen lassen könne. Würde sie so bleiben, trotz des Wissens um die Kritik, würde das einer erneuten erinnerungspolitischen Bestätigung der ursprünglichen Botschaft gleichkommen. "Und das kann niemand wollen", so Zimmerer. Eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit der Geschichte rassistischer Verbrechen sei eine Voraussetzung für dessen Überwindung.

Anlässe dafür gäbe es genug. Allein am Michel ist es nicht nur die Gedenktafel. Das neue Dach der Kirche hat die Hamburger Kupferhütte Aurubis gesponsert. Ihr Vorläufer, die Norddeutsche Affinerie, bezog Kupfererze aus Deutsch-Südwestafrika. Dort hatte sich die Situation der Herero verschärft, als 1900 die "Otavi-Minen-und Eisenbahn-Gesellschaft" gegründet wurde. In der Region Otavi waren Kupfervorkommen entdeckt worden, die abgebaut und per Zug zum Hafen durch das Herero-Gebiet transportiert werden sollten. Land beiderseits der Bahnlinie sowie die Wasserrechte sollten unentgeltlich abgetreten werden. Männer, Frauen und Kinder mussten die Strecke in Zwangsarbeit bauen.

An dem deutsch-britischen Konsortium waren auch Kaufleute und Banken aus Hamburg beteiligt, etwa die Norddeutsche Bank. In Bahrenfeld erinnert der Otawiweg heute noch an diesen Teil der Geschichte.