Am 2. Mai 1945 erreichen britische Soldaten ein mit Stacheldraht gesichertes Tor, sie überqueren die Brücke und betreten das Konzentrationslager Neuengamme. Sie wollen das größte Konzentrationslager in Nordwestdeutschland befreien, doch niemand ist mehr dort. Die Wachen der Schutzstaffel (SS) haben die hier eingesperrten Männer auf Todesmärschen in andere Lager und auf Schiffe in der Lübecker Bucht verschleppt. Tausende KZ-Gefangene aus Neuengamme sterben noch in den letzten Tagen des Krieges, erschossen von der SS, verhungert oder von Krankheiten ausgezehrt.

Auch Werner Heinrich Kahn, geboren am 20. Oktober 1911, hat Neuengamme zu diesem Zeitpunkt verlassen. Bis kurz zuvor leitete er die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH. Ein Unternehmen, das der SS gehörte und auf dem KZ-Gelände tätig war. Wenige Tage nachdem die britischen Alliierten Hamburg einnehmen, gelingt es ihnen, Kahn zu verhaften. "Beim Einmarsch der Engländer habe ich mich ihnen sofort zur Verfügung gestellt", wird er später sagen. 

Wie alle Betriebe der Nazi-Eliteorganisation dienten auch die Erd- und Steinwerke der "Vernichtung durch Arbeit": Häftlinge mussten harte Sklavenarbeit leisten, bei schlechter Versorgung und nur kurzen Pausen. Sie schufteten sich zu Tode. Im KZ Neuengamme und in den 85 Nebenlagern sowie nach der Räumung starben mindestens 43.000 Häftlinge. Und trotzdem wird Kahn nach kurzer Zeit aus der Haft entlassen.

Wie ist das möglich? Das Kahn ein Mittäter war, ist schließlich kaum bestreitbar. Zu klären wäre lediglich gewesen, ob er selbst ein Mörder war oder ob er die Drecksarbeit andere hat machen lassen. Warum ließen die Alliierten ihn trotzdem laufen?      

Kahns Büro befand sich auf dem Gelände des Konzentrationslagers, direkt vor einem großen Backsteingebäude, das wie ein E geformt ist. Die Deutschen Erd- und Steinwerke wurden 1938 von der SS gegründet. Sie sollten den Baustoffbedarf für die riesigen Stadtgestaltungsprojekte der Nationalsozialisten in den fünf Führerstädten Hamburg, Berlin, München, Nürnberg und Linz bereitstellen. Noch im selben Jahr wurde das Unternehmen in Konzentrationslagern aktiv, es gründete etwa die Granitsteinbrüche von Flossenbürg sowie Mauthausen und die Ziegeleien von Buchenwald und Sachsenhausen. Und auch in Neuengamme wurden die Deutschen Erd- und Steinwerke schnell aktiv. 

"Arbeitsbeschaffung für die zahlreichen Nichtstuer"

"Unter dem Decknamen 'Deutsche Erd- und Steinwerke G.m.b.H.' hat der Reichsführer-SS unter dem 3.9.38 einige Grundstücke im Hamburgischen Staatsgebiet gekauft", heißt es in einem Brief, den die SS-Verwaltung an den Hamburger Senat schickte. Auf dem Grundstück befände sich eine seit Jahren stillgelegte Ziegelei, die allein Anlass gewesen sei, es zu erwerben, schrieben die Nationalsozialisten. Und weiter: "Die Inbetriebnahme erfolgt im Rahmen der Arbeitsbeschaffung für die sehr zahlreichen Nichtstuer in unseren Konzentrationslagern." 

Technischer Leiter des Klinkerwerks wurde im August 1940 Werner Kahn. Kahn hatte vor dem Krieg studiert und sich zum Ziegelei-Ingenieur fortgebildet. Zu seinen Aufgaben in Neuengamme gehörte es, zu prüfen, wie die Press-, Trocknungs- und Brenneigenschaften des abgebauten Tons waren. Zunächst arbeitete er in der Alten Ziegelei, dann begleitete er auch den Bau einer neuen Anlage. Er war stolz auf seine Aufgabe. "Es gab für das Neuengammer Werk überhaupt kein Vorbild – es war eine völlig neue Planung, die sich des neuesten technischen Standes der Ziegelindustrie bediente", sagte Kahn noch in einem Interview nach dem Krieg. 

Zwischen 1942 und 1943 begann in einem Flügel die Produktion von Betonteilen für Plattenhäuser, in denen ausgebombte Familien unterkamen. Auch für dieses Projekt war Kahn verantwortlich. Die Arbeitsbedingungen waren hart. "Den ganzen Tag über hatte ich Zementsäcke geschleppt. Die Lastwagen kamen in so kurzen Abständen, dass die Arbeit selbst für geübte Abträger nicht mehr zumutbar war", erinnerte sich der Gefangene Kurt Huhn. "Am Lastwagen lauerte ein blutjunger Arbeitsdienstführer und im Schuppen feuerte uns der kommandoführende Kapo an. Pausenlos schleppten wir in flottem Gang und trabten im Laufschritt den Weg zurück. Verlangsamten wir das Tempo, dann zog uns hier der Kapo seinen Prügel über den Rücken, dort der Arbeitsdienstführer." 

Kahn war als ziviler Angestellter weder für die Bewachung noch für die Aufsicht der KZ-Häftlinge zuständig. Das übernahmen SS-Männer im aktiven Dienst. Kahn trug meist Zivil und nur sehr selten die schwarze Uniform, das gab der ehemalige Häftling Friedrich Christian Eberhard Tamsen nach dem Krieg zu Protokoll. Im Sommer 1943 absolvierte Kahn acht Wochen lang eine Grundausbildung bei der Waffen-SS in Stralsund. Er trug den niedrigen Dienstgrad SS-Schütze, musste bei der Arbeit aber weiterhin keine Uniform tragen.